Türkei: Google weiss, wer Kinderporno googelt

Tagesanzeiger 21 Dezember 2006
Von Kai Strittmatter

Nirgendwo auf der Welt wird so oft im Internet nach Kinderpornografie gesucht wie in der Türkei. Dies teilte der Service Google Trends mit

Laut Google Trends, einem Service der Suchmaschine Google, stehen auf den ersten fünf Plätzen in einer Liste der Städte, aus denen der Suchbegriff «child porn» nachgefragt wird, ausnahmslos türkische Städte.

Innenminister Abdulkadir Aksu nannte das Resultat umgehend eine «Katastrophe», und Ministerpräsident Tayyip Erdogan zeigte sich «ernsthaft irritiert». Die Meldung hat mittlerweile eine lebhafte Debatte in Presse, Parlament und Regierung losgetreten, die begleitet wird von fast täglichen Polizeirazzien.

Eine «Liste der Schande», nannte die Zeitung «Milliyet» die Google-Trend-Liste, die von der Schwarzmeerstadt Trabzon angeführt wird. Istanbul liegt an fünfter Stelle, erst dahinter folgen Städte in Neuseeland, den USA und Australien.

Verbreitet Kinderprostitution

Das Entsetzen in der Öffentlichkeit wuchs, als die ersten Ergebnisse gross angelegter Polizeiaktionen bekannt wurden: Die Polizei hat nicht nur Studenten und – auf einen Tipp der deutschen Polizei hin – einen Anwalt festgenommen, die unter Verdacht stehen, Kinderpornografie verbreitet zu haben. Die grössten Schlagzeilen machte die Festnahme ausgerechnet eines Kinderarztes, der direkt aus seiner Luxusvilla im Ort Silivri bei Istanbul abgeführt wurde.

Er soll eine hochprofitable pornografische Webseite betrieben haben. Auf dieser Seite brüstete er sich, seine Webseite habe ihm so viel Geld eingebracht «wie ein Flugzeug, das mit Sonnenenergie fliegt».

Zuletzt wurde am Dienstag der Betreiber eines Internetcafés verhaftet. Polizeisprecher Ismail Caliskan warnte aber davor zu glauben, dass die Überwachung durch die Polizei je lückenlos sein werde, und er mahnte alle Eltern, sie sollten ihre Kinder davon abhalten, über das Internet Kontakt mit Fremden aufzunehmen.

Im türkischen Parlament wurden bereits neue gesetzliche Regeln zum Schutz von Kindern diskutiert. Worauf sich die «Yeniden Gesellschaft für Gesundheit und Erziehung» zu Wort meldete und meinte, die Gesetze seien längst ausreichend, es hapere jedoch bei der Umsetzung. Yeniden hat eben erst eine Untersuchung zum sexuellen Missbrauch von Kindern in der Türkei veröffentlicht.

Dem Bericht zufolge ist Kinderprostitution das grösste Problem in den Städten, Leidtragende sind vor allem Mädchen zwischen 12 und 18. «Soziale Normen und Traditionen spielen oft eine grössere Rolle als Gesetze», heisst es in dem Bericht:

Die Opfer sexuellen Missbrauchs hielten oft still, weil sie sich fürchteten vor der Verurteilung durch die Gesellschaft oder gar davor, Opfer eines so genannten Ehrenmordes zu werden. Derweil wird in den Medien nach den Ursachen gesucht. Der Fall des (...)


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