• Auf Streife im Problembezirk - Wo sich Polizisten bedroht fühlen

Bocholter-Borkener Volksblatt 23 Juni 2008
VON GERHARD VOOGT

Polizisten in sozialen Brennpunkten werden immer häufiger gewalttätig angegriffen

Duisburg. Weil die Wachen dünn besetzt sind, müssen die Bedrohten oft lange auf Verstärkung warten. In Duisburg werden die Schupos nun durch die Bereitschaftspolizisten verstärkt.

Wir begleiten einen Hauptkommissar auf der Streife durch den Problembezirk Marxloh.

Sie begrüßen ihn freundlich, aber wenig respektvoll. „Ey Chef, was geht ab, Mann?“, fragt Cem Mo (22, großes Bild links), der Chef der Rapper, die auf der Kaiser-Wilhelm-Straße vor einem Schaufenster herumstehen, als er den Polizeibeamten erblickt. Hauptkommissar Hans Schwerdtfeger ist an solche Ansprachen gewöhnt.

Er bleibt stehen, spricht ein paar Sätze mit den Jugendlichen. „Solange man nichts von ihnen will, sind die ganz friedlich“, sagt der Bezirksbeamte mit dem grauen Oberlippenbart. „Aber manchmal kippt die Stimmung in Sekunden. Dann kann es gefährlich werden.“ Nicht für die Jugendlichen - für die Polizei.

Auf Fußstreife in Duisburg-Marxloh: In der Nähe der Pollmann-Kreuzung treffen sich viele Jugendliche, die aus dem Libanon, aus Kurdistan und der Türkei stammen. Die Gruppen mögen sich untereinander nicht. Aber sie eint die Abneigung gegen die deutsche Polizei. „Hier sind zwei Kollegen in arge Bedrängnis geraten“, berichtet Hans Schwerdtfeger.

Schaukämpfe auf Schienen

Jugendliche hätten sich auf den Straßenbahnschienen „Schaukämpfe“ geliefert und eine Bahn aufgehalten. „Als die Kollegen einschritten und die Personalien aufnehmen wollten, waren sie im Nu umzingelt und schafften es nicht mehr zurück zum Wagen.“ Fahrgäste der Straßenbahn, die nicht weiter kam, alarmierten die Polizei: Auf der Kreuzung würden gerade zwei Beamte verprügelt.

Gewalt und Aggressionen gegen Polizeibeamte - ein Problem, das gerne totgeschwiegen wird. Viele Migranten haben aus ihrer Heimat ein anderes Bild von der Polizei und halten es für Schwäche, wenn nicht mit Härte durchgegriffen wird.

„Pisser“, „Penner“, „Scheißbulle“ sind noch die harmloseren Schimpfwörter, die den Beamten zugerufen werden. Immer wieder kommt es zu Pöbeleien und Übergriffen. An diesem Nachmittag ist die Station am August-Bebel-Platz mit drei Beamten besetzt. „Mindeststärke“, sagt der Wachleiter.

Die Realität sieht anders aus

Voll besetzte Wachstuben, die gebe es doch nur im Fernsehen, erklärt Hans Schwerdtfeger. Im „Großstadtrevier“ von Duisburg sieht die Realität anders aus. 1997 wurden nach einer landesweiten Kräftebemessung zahlreiche Polizei-Posten dicht gemacht, Planstellen gestrichen. Beamte, die nun auf ihren Streifengängen in Unterzahl aggressiven Cliquen gegenüberstehen, müssen schon mal gefährlich lange auf Verstärkung warten.

Umfassende Kritik

Rolf Cebin ist Duisburg Polizeipräsident. Im holzgetäfelten Dienstzimmer des Sozialdemokraten hängen alte Stiche. Der „rote Preuße“, wie der Mann mit dem lichten Haar genannt wird, sieht den Problemen ins Auge.

„Es gibt bei uns natürlich Gegenden, da würde ich meiner Tochter immer raten, ein Taxi zu nehmen“, sagt der 63-Jährige. Rolf Cebin will in sozialen Brennpunkten mehr Ordnungshüter auf die Straßen bringen.

Alles soll geahndet werden

„Alle Verstöße und auch geringfügige Ordnungswidrigkeiten sollten konsequent geahndet werden“, sagt der Duisburger Polizeipräsident. Jetzt wird verstärkt auf die Kräfte der Bereitschaftspolizei zurückgegriffen.

Die Hundertschaft ist vornehmlich bei Großeinsätzen wie Demonstrationen, Fußballspielen oder beim Castor-Transport im Einsatz. Im übrigen steht sie auch für den allgemeinen Polizeidienst zur Verfügung - also auch zur Bekämpfung der Straßenkriminalität.

Die Verstärkung hat Cebin beim Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste beantragt. In der Analyse zur „Sicherheitslage in Duisburg“ wurden drei Stadtbereiche als „Angst-Räume“ definiert, in denen Bürger sich bedroht fühlen und die Polizei einen hohen Personalbedarf sieht.

Rund 35 Bereitschaftspolizisten sind dort nun zusätzlich im Einsatz. „Das wirkt sich positiv aus“, sagt Cebin. Das Problem: Das Projekt läuft Ende des Jahres aus.

Mutiger Schritt?

Frank Richter, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in NRW, hält den Schritt des Duisburger Polizeipräsidenten, Sicherheitslücken einzugestehen, für „mutig“. Marxloh sei aber kein Einzelfall. In vielen sozialen Brennpunkten der Ruhrgebietsstädte und in Köln habe die Polizei mittlerweile Schwierigkeiten, sich durchzusetzen.

„Die Kollegen gehen auf dem Zahnfleich. Sie wissen, dass es auf der Dienststelle keine Reserve gibt, auf die man sich bei einem Notruf verlassen kann, und fühlen sich hilflos und ausgesetzt.“

Die CDU/FDP-Landesregierung stellt nun jährlich 1100 neue Polizisten ein. „Aber es wird Jahre dauern, bis die die Lücken auf den Wachen auffüllen“, sagt Richter. Die Unterstützung der Ortskräfte durch die Bereitschaftpolizei könne nur eine kurzfristige Notlösung sein.

Ein Sprecher des Innenministeriums erklärte, in NRW gebe es in diesem Jahr insgesamt 160Projekte, bei denen die Bereitschaftpolizei auch Aufgaben bei der Kriminalitätsbekämpfung übernehme.

Hans Schwerdtfeger ist seit 35 Jahren Polizist. Er wohnt am Niederrhein, pendelt regelmäßig nach Duisburg. Einmal, so erzählt er, sei auch seine Frau in Marxloh gewesen. „Mein Gott“, habe sie gesagt. „Pass bloß auf dich auf.“



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