Afghanistan "Viele Frauen zünden sich an"

taz 09. Oktober 2007
INTERVIEW VON ANETT KELLER

Frauen in Afghanistan sind sechs Jahre nach dem Taliban-Sturz von Freiheit weit entfernt, sagt Frauenprojekt-Leiterin Waseq. Missbrauch durch Verwandte gelte als normal, Zwangsehen sind an der Tagesordnung

taz: Frau Waseq, was hat sich nach 6 Jahren Krieg gegen die Taliban für Frauen verbessert?

Nabila Waseq: Nicht viel. Die Kriegsjahre haben eine Kultur der Gewalt etabliert, an der sich bis heute nichts geändert hat. Frauen sind auch heute noch in ihrem Alltag einem enormen Maß an Gewalt ausgesetzt.

Wie äußert sich das?

Es ist zum Beispiel völlig normal, dass Frauen von männlichen Verwandten geschlagen und sexuell missbraucht werden. Zwangsehen sind an der Tagesordnung. Immer mehr Frauen sehen den einzigen Ausweg darin, sich umzubringen, viele zünden sich einfach an. Wir haben eine Studie zu Selbstverbrennungen gemacht, im Wesentlichen sind Zwangsehen der Grund für diese Verzweiflungstaten.

Es wird doch aber immer betont, dass Frauen heute im Parlament sitzen und dass viele Mädchen wieder zur Schule gingen?

Für die großen Städte mag das zutreffend sein, nicht aber für ländliche Regionen. Dort dürfen viele Mädchen weiterhin nicht zur Schule. Traditionelle Konfliktlösungen nach der Art des Badla sind an der Tagesordnung. Nach diesem Brauch wird zur Beilegung eines Konflikts zwischen Familien ein Mädchen zur Wiedergutmachung "übergeben". Und auch viele Frauen glauben, Männer hätten das Recht dazu.

Wie versuchen Sie, den betroffenen Frauen zu helfen?

Wir bieten ihnen psychologische Hilfe und Rechtsbeistand an. Gleichzeitig versuchen wir, Druck auf die Regierung zu machen, damit die Polizei- und die Justizreform endlich voran kommt. Um Frauenrechte umzusetzen, braucht Afghanistan dringend mehr Polizistinnen, Anwältinnen und Richterinnen.

Wie erfahren die Frauen von ihren Projekten?

Wir arbeiten eng mit dem Frauenministerium zusammen. Außerdem informieren wir in Radio- und Fernsehspots über unsere Arbeit.

Dabei machen sie sich sicher nicht nur Freunde.

Viele Männer werfen uns vor, dass wir ihre Familien zerstören, nur weil wir Frauen helfen. Auch dass wir gegen den Islam seien, wird uns vorgeworfen. Doch Frauen zu helfen, die Opfer von Gewalt werden, verstößt ganz bestimmt nicht gegen unsere Religion.



NABILA WASEQ, 20,
koordiniert ein Frauenprojekt von Medica Mondiale in Kabul.

medica mondiale
unterstützt traumatisierte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten
Spendenkonto: Sparkasse KölnBonn, Konto 45 000 163, BLZ 370 501 98



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