Studie Muslime in Deutschland - Ein Jahr danach (Dezember 2008)

EuropeNews Dezember 8 2008
Von Hildegard Becker


Muslime in Deutschland – Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und Pluralismus

Eine Studie des Bundesministerium des Innern – Ein Jahr danach
(Dezember 2008)

Über islamische und islamistische Gruppierungen sowie ihre Einstellungen gibt es zum Teil widersprüchliches, vor allem aber nur oberflächliches Wissen, wobei der Islam als Religion und der Islamismus als politische Ideologie oft gleichgesetzt werden.

Das allerdings liegt nahe, da die Übergänge in der Realität fließend sind.

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Ergebnisse & Zusammenfassung der Studie des Bundesinnenministeriums „Muslime in Deutschland“
Von Prof. Christine Schirrmacher

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Die Vielfalt ideologischer Strömungen wird kaum zur Kenntnis genommen. Es ist in der Tat auch nicht leicht, sich da kundig zu machen. Erschwert werden derartige Bemühungen dadurch, dass viele Muslime und mehrere islamische Gruppierungen ihre Zugehörigkeit zu solchen Strömungen oft kaschieren oder leugnen.

Für die meisten Nichtmuslime sind daher die Zusammenhänge und Netzwerke undurchschaubar, was wiederum allzu leicht zu falschen Schlüssen, vor allem aber zu Unsicherheit, Skepsis oder gar Ablehnung führt.

Eine immer wieder gestellte – wichtige – Frage lautet daher: Welches sind die Phänomene, die die Demokratie gefährden und eine Integration der Muslime behindern? Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Religion?

Eine Studie des Bundesinnenministeriums, die im Dezember 2007 veröffentlicht wurde, ist bislang leider viel zu wenig beachtet und vor allem zu wenig gründlich diskutiert worden. Sie kann jedoch helfen, zu den angeschnittenen Fragen wichtige Informationen zu geben.

Die 515 Seiten starke Studie von Katrin Brettfeld und Peter Wetzel hat den Titel: „Muslime in Deutschland: Integration, Integrationsbarrieren, Religion sowie Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt“.

Einige wichtige Ergebnisse dieser Studie sollten möglichst nicht in Vergessenheit geraten, deshalb sei an dieser Stelle nach einem Jahr daran erinnert – vor allem mit Hinblick auf inzwischen erschienene weitere (weniger umfangreiche) Studien zum Thema, deren Ergebnisse in Teilen nicht mit dieser besonders fundierten und differenzierenden BMI-Studie übereinstimmen.

Eine „fünfte Kolonne des Dschihads“ sind die Muslime jedenfalls nicht, wie Eberhard Seidel meinte (1). Nach Erkenntnissen von Katrin Brettfeld und Peter Wetzel ist die überwiegende Mehrheit der Muslime in Deutschland "Norm-konform" und steht nicht im Widerspruch zur Demokratie.

Religion hat für die Muslime in Deutschland eine „enorm hohe Bedeutung“. Schülerbefragungen zeigen, dass religiöse Bindungen „deutlich stärker sind als bei einheimischen Nichtmuslimen.“

87 % sehen sich als eindeutig gläubig – gegenüber 45 % der nichtmuslimischen jungen Migranten und gegenüber nur 19 % einheimischer Jugendlicher.

Von den jungen Muslimen erklärten sich nur 5,6 % als „nicht gläubig“, 21,7 % dagegen als „stark gläubig“.

Bei muslimischen Jugendlichen ist die Religiosität etwas stärker ausgeprägt als bei der muslimischen Gesamtbevölkerung.


Welchen Einfluss haben religiöse Prägungen auf die Einstellung von Muslimen zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – und auf ihre Affinität zu Gewalt bzw. auf ihre Akzeptanz von Gewaltbereitschaft?

57 % der „fundamental Orientierten“ [= stark religionsbezogen] sind nur mäßig integriert.

Nur 2,8 % der „Fundamentalen“ sind „gut integriert“.

Bei „gering Religiösen“ sind hingegen 28,1 % gut integriert.

Es gibt also Zusammenhänge zwischen religiöser Orientierung und Integrationspraxis.

„Die höchste praktische Integration findet sich in der Gruppe der gering Religiösen…. Die schlechtesten Werte haben die ‚fundamental Orientierten’.“

Das hören so manche Muslimfunktionäre natürlich gar nicht gern. Ihren gänzlich anderen Vorstellungen kommt die neuere Bertelsmann-Stiftung da entgegen, so scheint es. „Je religiöser, desto mehr [gebe es einen] Hang zur Integration mit diesem Land,“ freut sich denn auch der ZMD-Generalsekretär Aiman Mazyek (2).

Viele „Vorurteile und Klischees“ seien durch diese Umfrage „beiseite geschoben“ worden, glaubt er zu wissen. Allerdings handelt es sich bei den Erkenntnissen der BMI-Studie wohl nicht um „Vorurteile und Klischees“, die man einfach beiseite schieben kann, sondern um sorgfältig erarbeitete und daher ernst zu nehmende, diskussionswürdige Untersuchungsergebnisse. Und von diesen sollen hier noch kurz einige angeführt werden.

Bei fundamentalen Orientierungen mit hoher Alltagsrelevanz der Religion, starker Ausrichtung an religiösen Regeln und Ritualen, gebe es bei 40 % die Tendenz, Muslime, die dem nicht folgen, auszugrenzen.

Das gehe einher damit, den Islam pauschal aufzuwerten und westliche, christlich geprägte Kulturen abzuwerten. Wiederum differenzierend weisen die Autoren freilich darauf hin, dass dies nicht gleichzusetzen sei mit intoleranten, demokratiefernen und islamistischen Haltungen.

Das Potential für eine mit dem Islam verbundene Radikalisierungstendenz wird auf 10 bis 12 Prozent beziffert. Brisant dabei ist: Eine solche Tendenz gibt es nicht nur bei Benachteiligten, sondern auch bei Muslimen mit günstigen Voraussetzungen, wie hohem Bildungsstand.

Die Autoren der Studie erklären das damit, dass sich diese Gruppe in einer stellvertretenden Opferrolle wahrnimmt; mit der Vorstellung einer Ausgrenzung, Schlechterstellung und Unterdrückung von Muslimen hier und in anderen Ländern.

6 % der Muslime (das sind bei 3,4 Millionen 204.000) werden als „gewaltafin“ und islamisch autoritaristisch eingeschätzt – das heißt, sie akzeptieren „massive Formen politisch-religiös motivierter Gewalt – bei hoher Distanz zur Demokratie“ und „gleichzeitiger hoher Befürwortung der Scharia.“

Ein Viertel davon (= ca. 50.000) wird als „religiös rigide bezeichnet.“ Knapp 14 % (= 476.000) „weisen in diesem Sinne problematische Einstellungsmuster auf“.

Diese Zahlen lassen aufhorchen, denn bisher sind die Verfassungsschützer von 1 bis 3 % potentiell gewaltbereiter Muslime ausgegangen, also 34.000 bis 102.000.

Die Welt meinte an Weihnachten 2007, man könnte glauben, dem Verfassungsschutz wären bisher 390.000 Islamisten durch die Lappen gegangen.

8,2 % der studierenden Muslime zeigen „ausgeprägte Demokratie-distante Haltungen“. Doch wiederum sind die Autoren bestrebt zu differenzieren, damit keine falschen Schlüsse gezogen werden.

Sie weisen darauf hin, „dass ein signifikant höheres Maß an Autoritarismus und Demokratiedistanz junger Muslime im Vergleich zu einheimischen Nichtmuslimen nicht nachzuweisen ist.“

Manche erschreckenden Zahlen werden daher von einigen Kommentatoren beschwichtigend relativiert. Sollte man diese Kommentatoren als „Islam-afin“ bezeichnen? Die Welt meinte dazu: „Darauf zu verweisen, dass deutsche Rechtsextremisten, Kommunisten und Scientologen auch Antidemokraten seien, ist so richtig wie überflüssig.“

Wenn jetzt „390.000 Islamisten aus dem Dunkelfeld herausgetreten sind,“ so die Zeitung, sollte man das offen diskutieren (3). Das ist sicher richtig, gerade auch weil die meisten „Gewalt-Afinen“ – trotz Studie – wohl vorerst im Dunkelfeld bleiben.

Vermutlich gilt das auch für diejenigen, die antidemokratisch und antiwestlich eingestellt sind – der Studie zu Folge 12 %, also etwa 400.000.

Auch wenn im Umkehrschluss erfreulicherweise 88 % Muslime in Deutschland die Demokratie bejahen. Dazu gehören natürlich auch (oder vor allem?) die weniger Religiösen.

Auffallend und nicht zu relativieren sind pauschale antisemitische Vorurteile unter muslimischen Studierenden – in der Tendenz bei einem Drittel, in extremer Form bei 10 %.

Die Autoren der Studie hielten es Anfang des Jahres 2008 noch für „verfrüht, aus den Befunden unmittelbare Folgerungen für praktische Maßnahmen abzuleiten.“ Sie wollten eine kritische Debatte – unter Beteiligung von Vertretern der Zielgruppe selbst, d.h. auch islamischer Verbände, bei denen von einem „genuinen Eigeninteresse“ ausgegangen werden könne – meinten sie. Verfrüht war wohl eher dieser Optimismus.

Schon die erste Reaktion der Verbände, d.h. des „Koordinationsrates der Muslime“ (KRM), vor einem Jahr deutete vielmehr darauf hin, dass das Eigeninteresse hauptsächlich darin besteht, die Brisanz der Studie herunterzuspielen (4).

Das Eigeninteresse scheint innerhalb eines Jahres zwar mit Bezug auf die (dem Anschein nach „Muslim-freundlichere“) Bertelsmannstudie enorm, in Bezug auf die BMI-Studie jedoch nicht gewachsen zu sein.

Noch etwas aber macht die BMI-Studie deutlich: Das wichtigste Risikopotential findet sich unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In ihrer Sinn- und Identitätssuche neigen sie besonders zu Umorientierungen und Radikalisierungen. Der Verweis auf Sprache als Bedingung für Integration sei richtig, treffe aber nur eine Teilgruppe. Ein nicht unerheblicher Teil ist der Sprache mächtig und gut gebildet.

Das verweist auf die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung um Werte. Benötigt werden glaubhafte und „starke Dialogpartner“, die den Islam nicht ausgrenzen, andererseits aber selbst auf einem festen Fundament stehen. Wer außerhalb des Islam steht, hat aber für Radikalismus-anfällige Muslime nur begrenzte Überzeugungskraft. Präventionsmaßnahmen lassen sich deshalb kaum ohne Kooperation mit muslimischen Personen und Einrichtungen umsetzen, so die Autoren der Studie.

Auch die Integrations-Ministerin Maria Böhmer hatte – zeitgleich zum BMI – also zum Jahreswechsel 2007/2008 – eine Studie präsentiert.

Danach haben rund 40 % aller Migranten keinen Berufsabschluss, und 18 % der Kinder aus Einwandererfamilien brechen die Schule vorzeitig ab. Das zeigt erneut, dass die Probleme keineswegs allein im religiösen Bereich liegen. Dennoch ist es von großer Bedeutung, sich mit diesem Bereich intensiv zu befassen.


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(1) 27.12.2007 taz: Keine fünfte Kolonne des Dschihad. Von Eberhard Seidel
http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/eine-neue-integrationsde...

(2) 10.11.2008 - Islamische Zeitung
Kommentar von Aiman A. Mazyek zu Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung unter Muslimen - Nicht radikaler
http://www.islamische-zeitung.de/?id=11003

(3) 26.12.2007 Welt Online: Plötzlicher Zuwachs bei den deutschen Islamisten - Von Alexander Ritzmann
http://www.welt.de/politik/article1492509/Ploetzlicher_Zuwachs_bei_den_d...

(4) 20.12.2007 - KRM Presseerklärung : Erste Bewertung durch den Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) von der vom Bundesinnenministerium herausgegeben Studie "Muslime in Deutschland"
http://islam.de/9645.php

 
 

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