• Die aktuelle Lage der Aleviten in der Türkei

EuropeNews 02 November 2007
Von Holger Danske

Die Situation der Aleviten ist auch gegenwärtig von starken Spannungen mit Sunniten bestimmt. Zwar dürfen die traditionellen alevitischen Feste inzwischen in der Türkei offen gefeiert werden, allerdings offiziell nicht als religiöse, sondern lediglich als Folkloreveranstaltungen. Dies ist in der recht speziellen Form der Trennung von Staat und Religion in der kemalistischen Türkei begründet und bereitet auch sunnitischen Muslimen große Probleme in ihrer Religionsausübung.

Die Aleviten sind eine Glaubensgemeinschaft in Anatolien, die sich selbst der muslimischen Glaubensgemeinschaft zurechnet. Sie lehnen das islamische Recht ab, betrachten Wallfahrt, Almosensteuer, Fasten und Ritualgebet nicht als religiöse Hauptpflichten, ziehen das Alkoholverbot nicht in Betracht, ergänzen das Glaubensbekenntnis mit einer auf Ali bezogenen Wendung und stützen sich nicht auf den Koran. Die Aleviten wurden im Osmanischen Reich zum Teil blutig verfolgt. In der Türkei wurden die Aleviten mehrfach Opfer fanatisierter Menschenmengen wie beim Brand des Madimak-Hotels oder beim Pogrom von Maras.

Die Herabsetzung von Ritualen wie dem Cem, die für den alevitischen Glauben zentral sind, wird von Aleviten als Diskriminierung empfunden. Denn trotz der staatlichen Religionsfreiheit in der Türkei gab und gibt es dort seitens der Bevölkerung starken Druck auf ihre Anhänger, sich dem sunnitischen Islam zuzuwenden oder ihren Glauben zumindest nicht offen auszuleben.

Dies begründet sich in erster Linie aufgrund von politischen Einflussnahmen seitens der Aleviten gegen die Mehrheitsbevölkerung und dessen religiöse Gefühle. So kam es zum Beispiel 1978 in den Städten Çorum und Kahramanmaras zu anti-alevitischen Pogromen.

Maras - Pogrom von 1978

Am 21. Dezember 1978 wurden zwei Lehrer erschossen. Bei der Beisetzung am nächsten Tag kam es zu Auseinandersetzungen, bei denen erneut zwei Menschen starben. Am 23. Dezember griffen Anhänger der rechtsgerichteten Partei MHP kurdisch-alevitische Wohnviertel in Kahramanmaras an. Es gab 31 Tote und 150 Verletzte.

Trotz der Verlegung neuer Armeeeinheiten nach Kahramanmaras am 24. Dezember konnten die Gruppierungen nicht an weiteren Angriffen gehindert werden. Die Ereignisse führten dazu, dass die Regierung über die 13 Provinzen im Südosten der Türkei den Ausnahmezustand verhängte. Nach offiziellen Angaben sind 102 Menschen gestorben. Als offizielles Motiv für diese Übergriffe gab die Regierung einen Konflikt zwischen Linken und Rechten an.

Sivas-Massaker - Brandanschlag auf das Madimak-Hotel

Am 02. Juli 1993 wurden bei einem alevitischen Kulturfestival in Sivas ein Brandanschlag auf ein Hotel verübt, bei dem 37 Menschen ums Leben kamen. Die Teilnehmer hatten sich dorthin zurückgezogen, nachdem Gegner das Fest angegriffen und die Teilnehmer massiv bedroht hatten. Ziel der Attacken war Schriftsteller Aziz Nesin, der zuvor das Buch "Satanische Verse" von Salman Rushdi ins türkische übersetzte und die zunehmende Islamisierung und allgemein die Zustände in der Türkei kritisiert hatte.

Die Duldung dieses aggressiven Massakers und die nur sehr zögerlichen Rettungsaktionen ließen den Verdacht aufkommen, daß örtliche und staatliche Organe Partei für die Mehrheitsbevölkerung genommen hatten. Offen bleibt die Frage, warum ein Religionsgegner und Atheist wie Aziz Nesin auf einem alevitischen Fest anwesend war. Politikwissenschaftler bewerten die Einladung von Aziz Nesin als Ehrengast zu einem alevitischen Fest als ein politische und bewusste Provokation und als Zeichen der Ablehnung der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft.

Schon seit Jahren werden traditionell alevitische Siedlungen erzwungenermaßen „sunnitisiert“.

Selbst in mehrheitlich alevitischen Dörfern wurden sunnitische Moscheen gebaut. Dies zeigt, dass die Aleviten bis heute von den überwiegenden Muslimen nicht als eigenständige und gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkannt werden. Es ist aber auch zu erwähnen, dass die alevitische Gemeinschaft, die fast einen Viertel der türkischen Bevölkerung ausmacht, im Gegensatz zu der kurdischen Minderheit keine offizielle Partei besitzt, die die Rechte der Aleviten verteidigen würde.

Die Europäische Kommission hat die Diskriminierung der Aleviten in der Türkei im Rahmen von deren Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union mehrfach kritisiert: zuletzt in der „Empfehlung zu den Fortschritten der Türkei auf dem Weg zum Beitritt“ vom 4. Oktober 2004.

Ein Beitritt der Türkei zur EU ohne Anerkennung der Aleviten als muslimische Minderheit ist aufgrund der alle EU-Staaten verpflichtenden Religionsfreiheit daher undenkbar.

Quellen:
Die aktuelle Lage der Aleviten in der Türkei / Wikipedia
Minderheitenpolitik der Türkei - Aleviten / Wikipedia
Kahramanmaras - Pogrom von 1978 / Wikipedia
Sivas-Massaker / Wikipedia


Aleviten üben scharfe Kritik an rot-grüner Landesregierung

Die aktuelle Lage der Aleviten in der Türkei

Türkei: Aleviten - eine unterdrückte Minderheit

Aleviten kämpfen in der Türkei für ihre Rechte

Türkei: Aleviten proben Aufstand gegen Religionsamt




 
 

Comments