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Integration: Türkische Migranten flüchten in eine Opferrolle
Berliner Morgenpost 24 November 2009
Von Necla Kelec
In der türkischen und muslimischen Gesellschaft herrscht ein großes Misstrauen gegen das offenen Wort, glaubt Soziologin Necla Kelek. Ihre eigene Geschichte kennen sie nicht und für die deutsche Geschichte fühlen sie sich nicht verantwortlich.
Eine kollektive Verantwortungs- losigkeit prägt die türkische Gesellschaft in Deutschland, beklagt die Soziologin Necla Kelek . Sie moniert, dass viele Migranten in eine Opferrolle flüchten.
Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in der Türkei geboren und 1967 mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen und inzwischen deutsche Staatsbürgerin. Ich teile diese Biografie mit Tausend Anderen und muss mir die Frage stellen: Bin ich für das, was vor meiner Zeit in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschah, mitverantwortlich? Geht mich das, was vor Jahrzehnten in der Türkei geschah und heute geschieht, noch etwas an?
Viele meiner türkischen Landsleute, vor allem die Jüngeren, leben heute in einer Art selbstgewähltem geschichts- und verantwortungslosen Zustand. Die Geschichte und Verhältnisse in der Türkei kennen sie nicht und können sie nicht beeinflussen. Sie wollen sich die ferne Heimat nicht schlechtreden lassen, protestieren in einer Art kollektiven Reflex, wenn man in dunkle Vorgänge der Geschichte Licht bringen will.
Mit der deutschen Geschichte haben sie auch nichts zu tun. Die, die keinen deutschen Pass haben, können nicht wählen, können oder wollen keine Verantwortung übernehmen und sind faktisch Opfer einer Politik, die andere für sie machen. Und so kommt es zu der verbreiteten Haltung: Schuld sind immer die anderen, im Zweifelsfall die Deutschen.
Der Migrant ist das Mündel, das abhängig gehalten wird – auch von den eigenen Leuten. Ja, die Opferrolle wird von der türkischen Politik geradezu zelebriert. Es ist ein schlimmer Zustand, auf diese Weise in einer Art geschichtlichen Amnesie zu leben. Viele Migranten und auch die türkische Gesellschaft leben in einer infantilen Gesellschaft, die sich nicht ihrer historischen und gesellschaftlichen Verantwortung stellt und damit zur Generation ohne Geschichte wird.
Für uns in Deutschland lebende Bürger gibt es aber eine Möglichkeit, sich aus dieser Haltung zu befreien: Man hört auf zu jammern. Man nimmt teil, mischt sich ein, wird Staatsbürger dieses Landes. Integration ist Teilhabe an der Gesellschaft und ein Prozess, der auch vom Einwanderer eine Leistung abverlangt. Freiheit muss man lernen, Verantwortung tragen auch.
Die Unfähigkeit zu Trauern
Ich hatte vor fast zwanzig Jahren in dieser Frage ein Schlüsselerlebnis. Ich bin als Studentin in meiner Nachbarschaft am 9. November zu einer Gedenkstunde in die Hamburger Synagoge gegangen. Dort sprach Ralph Giordano und schilderte die Deportation seiner Familie und Nachbarn. Etwas Merkwürdiges geschah mit mir. Die Erzählung empörte mich nicht als Türkin über die Verbrechen der Deutschen, sondern ich war getroffen als Mensch. Ich schämte mich als menschliches Wesen für die Menschen, die anderen so etwas antun.
Erst spät hatte die Bundesrepublik gelernt, sich der Schuldfrage anzunehmen. 1967 erschien ein Buch, das heftige Reaktionen hervorrief und zeigte, wie brüchig die bis dahin auf einer „Bewusstseinszensur“ basierende Selbstgewissheit der Nachkriegsgesellschaft war: „Die Unfähigkeit zu trauern“ von Alexander und Margarete Mitscherlich.
Ein Buch, das von der Weigerung der Kriegsgeneration handelte, sich der Verantwortung für die im Dritten Reich begangene Schuld zu stellen – in den Augen der beiden Autoren eine notwendige Voraussetzung, um sich von der autoritären Fixierung auf den Diktator Adolf Hitler lösen und „Trauerarbeit“ leisten zu können.
In der Geschichte der Bundesrepublik steht diese „Erinnerungsarbeit“ bis heute immer wieder auf der Tagesordnung. Die Debatten verlaufen meist äußerst kontrovers, aber sie haben durch die kollektive Befassung eine Art Reifeprozess ermöglicht und damit dazu beigetragen, den demokratisch-zivilen Charakter dieser Republik zu festigen. Sie waren „Arbeit“, mit der die verdrängte Vergangenheit ins Bewusstsein gehoben wurde.
Ich möchte heute die Gelegenheit ergreifen, meinen türkischen Landsleuten und auch den Muslimen im Land diese „Arbeit“ aufzubürden. Ich möchte dazu beitragen, dass wir Migranten lernen, dass wir im Guten wie im Bösen viel mit dem Land gemeinsam haben, in dem wir leben. Denn Heimat ist der Ort der Gegenwart wie der Erinnerung.
Mehr als es türkische und deutschen Geschichtsbücher bisher verkünden, stellen sich auch bekannte historische Fragen anders, als gemeinhin vermutet wird. Die Geschichte der Deutschen, der Türken, Araber und Muslime hat viele gemeinsame Punkte, es sind Ereignisse, in der sich Fragen der Verantwortung anders als vermutet stellen.
Ich spreche hier darüber, weil ich das als deutsche Staatsbürgerin tun kann, ohne in Gefahr zu laufen, von einem Staatsanwalt vor Gericht gezerrt zu werden wie kürzlich der Schriftsteller Orhan Pamuk wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern. Und weil ich es für unerträglich halte, wenn Voreilige jede Äußerung, die kritisch mit Türken, Arabern oder Muslimen umgeht, als Rassismus deuten. Zur Wahrheit gehört Klarheit, auch wenn die Wahrheit unangenehm ist.
Der Heilige Krieg der Muslime
Ich möchte Ihnen anhand einiger Beispiele die Verbindung deutscher, türkischer und islamischer Geschichte dokumentieren. Bereits 1912/13 hatten die Jungtürken unter Enver Pascha in einem Militärputsch den Sultan gestürzt und die Macht übernommen. Kaiser Wilhelm.II. sah die politische Bewegung der Jungtürken, als eine Art fünfte Kolonne der Deutschen. Das deutsche Kaiserreich setzte im Ersten Weltkrieg ganz auf „die islamische Karte“. Den Heiligen Krieg der Muslime wollte Wilhelm als „letzten Trumpf“ einsetzen.
Im Schatten des Ersten Weltkriegs wurden 1915 die Armenier aus Anatolien vertrieben und ermordet. Es waren bis zu 1,4 Millionen Menschen. Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz hatte die Deportation der „unzuverlässigen“ Armenier in die mesopotamische Wüste empfohlen, weil er sie als Bedrohung im Rücken der eigenen Truppen sah. Bei dem diktatorisch regierenden Triumvirat unter Enver Pascha, Talaat Pascha und Cemal Pascha, das ein durch die türkischen Muslime dominiertes Anatolien anstrebte, stieß sein mörderischer Vorschlag auf Zustimmung. Sie wollten eine ethnische reine Türkei schaffen.
Vom Holocaust an Armeniern war bereits im Jahr 1895 die Rede. Bereits Abdulhamid.II. hatte die Armenier als Sündenbock ausersehen und nutzte einen provozierten Anlass in Konstantinopel, um die Armenier zu verfolgen. Ende Dezember 1895 erreichten die gegen (weiterlesen ... )
Necla Kelec ist Soziologin und ständiges Mitglied der deutschen Islamkonferenz. Ihr jüngstes Buch „Bittersüße Heimat“ erschien 2008 bei Kiepenheuer und Witsch. Ihr Text ist die gekürzte und überarbeitete Fassung einer Rede, die Kelec am 9. November in der Paulskirche zum Gedenken an die Pogromnacht hielt.




