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Eine neue Untersuchung zeigt: Von religiöser Toleranz ist die Türkei noch weit entfernt
Rheinischer Merkur 11 Dezember 2009
Von WOLFGANG THIELMANN
Am Bosporus leben Christen gefährlich Die Hälfte der Türken lehnt Parteien ab, der nichtislamische Politiker angehören. Es ist zum Verzweifeln. Das religiöse Sorgenkind Europas bleibt die Türkei.
Knapp 60 Prozent der Bevölkerung fordern, dass Nichtmuslimen jede religiöse Versammlung verboten wird. Das förderte eine jetzt veröffentlichte internationale Umfrage über religiöse Haltungen zutage. Die Türkei beteiligte sich erstmals und war das einzige muslimische unter 43 teilnehmenden Ländern.
Der türkische Mentor des Projekts, der Politologe Ali Carkoglu von der Istanbuler Sabanci-Universität, zeigte sich entsetzt über die Einstellung seiner Landsleute und zog das Fazit, in der Türkei gehe jede nichtmuslimische religiöse Versammlung mit einem Risiko einher: "Nicht einmal in Istanbul kann man ohne Gefahr außerhalb des Islam religiös sein."
Zugleich fordern 42 Prozent der Befragten religiöse Toleranz – die sie aber selber nicht aufzubringen scheinen, denn 49 Prozent lehnen es ab, eine Partei zu wählen, der Nichtmuslime angehören. Carkoglu sieht das Bildungssystem als eine Quelle der religiösen Unduldsamkeit.
In den Schulen des Landes würden Christen und Juden systematisch ausgegrenzt. Der Sprecher des orthodoxen Patriarchen, Dositheos Anagnostopoulos, kritisierte, dass Orthodoxe als Menschen zweiter Klasse behandelt würden.
Diese Diskriminierung spüren Christen seit langem. Im 20. Jahrhundert hat die Türkei den Anteil der christlichen Bevölkerung von 20 auf ein Prozent vermindert – durch Völkermord, Vertreibung und Diskriminierung.
Gegenwärtig zählt das Land 65.000 armenisch-orthodoxe, 20.000 katholische, 2000 griechisch-orthodoxe und etwa 4000 evangelische Christen. Dabei begründet kein Gesetz die Ungleichbehandlung der Religionen.
Die Reformen Atatürks haben vor 80 Jahren Sultanat und Kalifat beendet und ein laizistisches Gesellschaftsmodell aufgebaut.
Doch wird der Islam von einer staatlichen Behörde verwaltet, während die anderen Religionen rechtlich nicht anerkannt sind. Und nach wie vor prägt er die Alltagskultur. (...)
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