Padoveses deutliche Worte zu Politik und Menschenrechten "Die Türkei hat Gesetze gemacht, damit Kirchen verschwinden"

ZENIT.org 18 Juni 2010

Zur Einschätzung der politischen, menschenrechtlichen und pastoralen Situation in der Türkei war der ermordete Apostolische Vikar von Anatolien, Bischof Luigi Padovese, ein viel gefragter Redner

ROM - Auch wenn er mit den türkischen Behörden freundlich verhandelte, sprach er öffentlich sehr deutlich über Nationalismus, Hegemonialstreben und Doppelstandards in seinem Einsatzland. Er rief dazu auf, Druck auszuüben und auf voller Religionsfreiheit zu bestehen, bevor das Land eine Chance zur Aufnahme in die Europäische Union bekommen sollte.

Karl Hafen, geschäftsführender Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), protokollierte einen Vortrag Bischof Padoveses, den er am 19. März dieses Jahres in Frankfurt hielt. ZENIT dokumentiert das Protokoll im Folgenden:

* * *


Protokoll zum Vortrag von Bischof Luigi Padovese

Karl Hafen, Geschäftsführender Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte
"Haus am Dom" in Frankfurt/Main
19. März 2010

"Es ist nicht leicht, die Realität zu verstehen und die Lage der Christen zu akzeptieren", so die einleitenden Worte des Bischofs in seinen Vortrag. Von der bedeutenden Vergangenheit des Christentums in der Türkei ist nur wenig übrig geblieben. Nur noch 0,15 Prozent der Bevölkerung sind Christen.

Die Türkei sieht sich selbst in einer bedeutenden und strategisch wichtigen Situation: Sie bestimmt mit über die Lage der Armenier, der Kurden, der Zyprioten. Sie hat eine starke Diaspora in Deutschland und ist Brückenkopf zum Kaukasus und zu den islamischen Ländern.

Atatürk baute seine Türkei auf den Nationalismus auf und verband damit entscheidende Prinzipien: Gleichheit der Bürger hinsichtlich der Sprache, des Glaubens, keine Berücksichtigung der ethnischen Zugehörigkeit und die Abschaffung des Islam als Staatsreligion. Die Kemalisten versuchen, den Islam als private Angelegenheit durchzusetzen und haben, im Gegensatz zu den islamischen Staaten, den Islam unter den Staat gestellt. Während in den islamischen Staaten die Politik für die Religion da ist, soll in der Türkei die Religion für die Politik arbeiten. 1923 wurde das Diyanet gegründet, 1961 erhielt es eine Sonderstellung unter dem Staatspräsidium. Die Förderung des Sunnitentums ist Zweck des Diyanet.

Türke ist dieser Logik zufolge, wer türkisch spricht und sunnitischer Moslem ist. Das Diyanet fördert etwa Sunniten mit Stipendien und stärkt den Nationalismus. Die Behörde des Diyanet beschäftigt 90.000 Mitarbeiter, allein 15.000 neue Planstellen wurden seit 2003 geschaffen.

Die Aleviten, die immerhin 15 bis 20 Prozent der türkischen Bevölkerung ausmachen, werden von den Sunniten als Abweichler und damit als "Nicht-Türken" betrachtet und vom Diyanet nicht gefördert. Die Nationalisten suchten sich Feinde, um den eigenen Nationalismus zu begründen.

Selbstkritisch meinte Bischof Padovese, dass in all den Jahren, in denen das Christentum in der Türkei lebe, es nicht gelungen sei, eine türkische Identität zu finden. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil mussten Bischöfe beim Vatikan vorsprechen, die es gewagt hatten, türkische Gebete als Bestandteil der Liturgie einzuführen. Bis in die sechziger Jahre gab es kein Gebet in türkischer Sprache. Das räche sich heute.

Bischof Padovese wird vom türkischen Staat nicht als Bischof anerkannt, sondern nur als Privatperson. Da die Kirche keinen Rechtsstatus hat, existiert sie für die Regierung nicht. Bischof Padovese berichtete, wie er sich nach der Ermordung des Priesters Andrea Santoro an die Regierung wandte und um schnelle Aufklärung bat. Er erhielt einen Brief zurück, in dem es hieß, man danke für die Informationen, aber es sei nicht bekannt, dass es einen katholischen Bischof in der Türkei gebe. Entsprechend sei auch der Umgang der Regierung mit den Bischöfen oder der Bischofskonferenz. Die Regierung beantworte keinen von den Bischöfen an die Regierung gerichteten Brief. Auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan antworte nicht auf Briefe der Bischofskonferenz.

Bischof Padovese ging dann über zu den Menschenrechtsdefiziten, hinsichtlich der Meinungs- und Pressefreiheit, der Religionsfreiheit, der Rechte der Frauen und deren Gleichbehandlung der Frauen sowie hinsichtlich der zivilen Kontrolle des Militärs. Der Weg vom geschriebenen Wort zur praktischen Umsetzung sei sehr langwierig.

Im Februar 2008 wurde ein Gesetz verabschiedet, wonach den Griechen die Immobilien zurückgegeben werden müssten, die ihnen 1974 enteignet worden waren. Die praktische Umsetzung wird aber noch lange dauern und für viele zu spät kommen.

Auch kirchliches Eigentum wurde enteignet, aber dabei stelle sich die Frage, wie enteignetes Kirchengut zurückgegeben werden kann, wenn niemand dies entgegennehmen kann. Die Kirche hat keinen Rechtsstatus und existiert somit nicht. "Nichts bewegt sich, wenn kein Druck von außen ausgeübt wird", sagte Padovese wörtlich.

Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof hat die Türkei im Februar 2010 verurteilt, Religion aus dem Personalausweis zu streichen. "Ich kenne Personen, die haben keine Arbeit bekommen, nachdem der Arbeitgeber in den Personalausweis gesehen hat."

Bischof Padovese anerkannte, dass eine würdevolle Feier zur 2000-Jahrfeier des Gedenkens an Apostel Paulus in der Kirche von Tarsus ausgerichtet wurde. Damals wurden Versprechungen gemacht. Heute muss derjenige, der einen Gottesdienst abhalten will, dies beim Museumsdirektor beantragen. Es sei aber nun ein Beschluss ergangen, dass die Kirche in Tarsus wieder ein Kultort werden soll.

Die türkische Regierung lege zwei unterschiedliche Maßstäbe im Verhältnis zum Islam an: Sie verweigere den Christen im eigenen Land gleiche Rechte, fordere sie aber für Muslime im Ausland und benutze sehr gern und häufig den Begriff Intoleranz. So sei in der Türkei seit 1923 keine Kirche mehr gebaut worden, aber die Regierung prangere das Minarettverbot in der Schweiz an. Christliche Kinder beispielsweise müssten in der Türkei islamischen Religionsunterricht besuchen.

Thema des Dialogs in der Türkei sei das Verhältnis zum Laizismus. Die Türkei brauche Hilfe, damit das Laizismuskonzept europäischen Maßstäben angepasst werde. Auf die Frage nach seiner Haltung zu einem künftigen EU-Beitritt der Türkei, sagte er: "Ja, aber nur bei Garantie der Religionsfreiheit." Im Hinblick auf die geschlossenen Priesterseminare und die Zukunft der christlichen Kirchen, meinte er: "Die Türkei hat Gesetze gemacht, damit Kirchen verschwinden. Es muss etwas geschehen. Die Regierung wird dagegen sein." (...)


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