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Es reicht.
Spirit of Entebbe 16 September 2010
Von Claudio Casula
Die politisch korrekten Eiertänze der Meinungsmacher in Politik und Medien sind nicht mehr zu ertragen. Ohne die abgedroschene "Es-ist-fünf-vor-zwölf"-Phrase bemühen zu wollen: Es wird langsam Zeit, gewisse unangenehme Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Und endlich den Kurs zu korrigieren
Der Iran ächzt unter der Mullah-Diktatur und einem Präsidenten, der den Staat Israel auslöschen will und nach Atomwaffen strebt. In Afghanistan erheben die Taliban ihr hässliches Haupt, in Pakistan und Irak verüben radikale Muslime zahllose blutige Anschläge. Im Libanon hat sich die islamistische Terrororganisation Hisbollah ein Vetorecht im Parlament erkämpft und rüstet ihre Miliz weiter auf. Im Gazastreifen herrscht mit der Hamas die wohl unappetitlichste Bande, die sich ein zivilisierter Mensch vorstellen kann. In Ägypten, wo der offensichtlich schwer erkrankte Mubarak noch die Fäden in der Hand hält, sitzt die Muslimbruderschaft in den Startlöchern. Syrien kooperiert mit dem Iran; dieser wird auch von der Türkei unterstützt, wo Erdogan dabei ist, den säkularen Staat nach seinem Gusto umzuformen.
Rund um den Globus lassen Al-Qaida oder ähnliche Terrorgruppen Bomben hochgehen; in Deutschland konnte gerade noch vereitelt werden, dass eine "Sauerlandgruppe" (Islamische Dschihad-Union) ein Sprengstoffverbrechen begehen konnte; "Kofferbomber" wollten Vorortzüge in die Luft jagen. Nicht selten finden sich unter den Terroristen Konvertiten, auch Muslime, die in den Ländern, in denen sie Anschläge verüben, geboren und aufgewachsen sind. In Deutschland, England, Dänemark und anderen europäischen Ländern fallen radikale Prediger unangenehm auf, die gegen die westliche Lebensart hetzen und den Dschihad proklamieren. Weltweit kommt es in islamischen Ländern, derer es über 50 gibt, immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen und zu Hassbekundungen in Richtung Amerika und Israel. In Europa werden jüdische Friedhöfe geschändet, werden Synagogen angegriffen und Juden überfallen. Auf Protestkundgebungen überwiegend muslimischer Teilnehmer wird u.a. "Tod Israel" gebrüllt.
Nicht zuletzt der steile Anstieg islamistisch motivierter Gewalttaten von New York bis Bali inklusive Europa (Madrid, London) hat in Europa Beunruhigung ausgelöst, die durch die fast völlig absente Distanzierung der Millionen Muslime auf dem Kontinent vom angeblichen Missbrauch ihrer eigenen Religion gewiss nicht zerstreut wird.
Europas Antwort auf den radikalen Islamismus: Flagellantismus
Doch was geschieht? Weist man Hassprediger konsequent aus? Kappt man die Unterstützung für den Gazastreifen? Bricht man die diplomatischen Beziehungen zu Teheran ab? Sagt man Erdogan, dass er den EU-Beitritt der Türkei mindestens so lange knicken kann, wie das Land nicht als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident fungieren sondern sich radikalen Islamisten in Gaza, Beirut und Teheran als Partner andienen will?
Nichts von alledem. In den Zeitungen, im Radio und im Fernsehen wird beschwichtigt, geleugnet, relativiert; Muslime, die vor gewissen Entwicklungen warnen, werden im Stich gelassen und Verfechter der (Rede-)Freiheit als "Meinungsfreiheitsfundamentalisten" verteufelt, die angeblich spiegelverkehrt ebenso radikal sind wie die, die einem die mühsam erkämpften Freiheiten zu untersagen drohen. Nicht die Hunderttausende, die hasserfüllt gegen den Westen demonstrieren – die einzigen Proteste übrigens, die in islamischen Ländern erlaubt sind – werden als Gefahr wahrgenommen, sondern diejenigen, die vor der Gefahr warnen. Aus lauter Angst distanziert man sich an höchster Stelle vorsorglich für die idiotische Aktion eines Provinzpastors, und nicht einmal für einen Karikaturisten will man sich verwenden, der schon einmal und nur knapp einem Mordanschlag entgangen ist. Wird ein eigenwilliger Geist wie Theo van Gogh auf offener Straße gemeuchelt, heißt es "Selber schuld" – hätte er mal nicht provoziert.
Die "Internationale des Hasses" macht die Süddeutsche Zeitung nicht etwa dort aus, wo sie seit Jahren und Jahrzehnten zu Hause ist und immer dreister, fordernder und brutaler auftritt, sondern, wen wundert es noch, bei uns. Mache auf schwerwiegende Integrationsdefizite bestimmter Einwanderergruppen aufmerksam und du bist ein Ausgrenzer. Warne vor der fundamentalistischen Auslegung einer Religion und du bist ein radikaler Islamfeind, du kannst dir dann die Strafanzeige wegen Volksverhetzung einhandeln, die sich eigentlich die Hassprediger aus den Moscheen verdienen. Weigere dich, das Lied von Friede, Freude und Eierkuchen mitzusingen, und du bist ein Rechtspopulist. Schließe eine Moschee, in der aus Saudi-Arabien eingeflogene Imame die Leute aufhetzen, und du bist intolerant. Fordere ein entschlossenes Vorgehen gegen Hassprediger und du bist selbst einer.
Vergebliche Liebedienerei
Auf diese Tour versuchen TV- und Zeitungsheinis und die Politiker, die sie vor sich hertreiben, etwas zu verscheuchen, vor dem sie in hellen Momenten wohl selbst ahnen, was von ihm zu erwarten ist. Man hat die Hosen voll und tarnt seine Feigheit als Toleranz und nie ermüdende Dialogbereitschaft. So erklärt sich der schier endlose Langmut, wir haben für alles Verständnis, sogar für einen Autobusbomber, wer weiß, was ihn zu seiner Tat getrieben hat. Aber es hilft alles nichts: Das Einknicken freier, friedliebender und toleranter Gesellschaften ausgerechnet vor einer Sorte von Leuten, die mit Freiheit, Frieden und Toleranz nichts am Hut haben, ist nicht nur würdelos – es wird auch keinen Erfolg haben. Von den Adressaten erfährt dieses Verhalten genau die Verachtung, die es verdient. Wer behauptet, vielleicht ein Prozent aller Muslime sei empfänglich für radikale Ideen, muss sich eigentlich darüber im klaren sein, dass wir es bereits dann mit 13 Millionen Fanatikern zu tun bekommen könnten. Was ist dagegen ein kleiner Karikaturist oder ein aus der Zeit gefallener Kleinstadtgeistlicher? Mut meint man in unseren Breitengraden damit zu beweisen, dass man mit 10.000 Leuten eine Gegendemonstration inklusive Gitarrengeschrammel abhält, wenn eine Hundertschaft cerebral entkernter Neonazis aufmarschiert. Nur wenn ganz andere Zeichen an der Wand längst für alle sichtbar sind, schauen wir pfeifend zur Seite, wie das Kleinkind, das sich die Augen zuhält und glaubt, so nicht gesehen zu werden. Statt darüber nachzudenken, warum so offene und tolerante Gesellschaften wie die Dänemarks oder der Niederlande langsam die Nase voll haben, werfen wir ihnen vor, "rechtspopulistischen Rattenfängern" hinterherzulaufen. "Politisch naiv" nennt der Skandinavistik-Professor Bernd Henningsen in der SZ den Karikaturisten Westergaard, dabei ist es die Naivität seiner Gutmenschen-Kaste, wenn es um den radikalen politischen Islam geht, die uns geradezu ins Gesicht springt. Schmockschwerenot! Die Definition vom Liberalen als eines Konservativen, der noch nie überfallen wurde, hat keine Gültigkeit mehr, Menschen dieses Schlages kann man Flugzeuge ins Hochhaus steuern, und sie fragen sich wirklich noch, was sie verkehrt gemacht haben könnten.
Wie oft beteuert man doch, aus der Geschichte gelernt zu haben. Was denn? Dass man Extremisten entgegenkommen sollte? My ass. Gar nichts hat man gelernt! Antidemokraten, radikale Ideologen und Judenfeinde lassen sich nicht aussitzen, und schon gar nicht lassen sie sich umarmen, wenigstens das sollte der Kontinent gelernt haben. Aber sobald die erste ernsthafte Herausforderung am Horizont aufzieht, ziehen die Demokratien den Schwanz ein, und der Präsident der Supermacht der freien Welt drängelt sich zuallererst nach vorn, um sich stellvertretend für alle an die Brust zu schlagen: Nostra culpa, nostra maxima culpa!
Noch einmal: Es wird nichts nützen. Wenn wir so weitermachen, wird es sich bitter rächen. Auch wenn man mit einer solchen Aussage in den meisten Redaktionsstuben wahrscheinlich nur ein skeptisches Heben der Augenbrauen erntet: Es wird sich rächen. Sage dann bloß keiner, das habe man nicht voraussehen können.
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