• Faruk Sen – noch immer der „Professor der 1001 Projekte“?

SICHERHEIT HEUTE 26 November 2007
Von Hildegard Becker

Lohnt es, über Faruk Sen zu schreiben? Sicher nicht wegen der Bedeutung seiner Person, wohl aber aus einem anderen Grund: Man muss sich fragen, weshalb ihn das Land Nordrhein-Westfalen wider besseres Wissen seit zehn Jahren deckt.

„Affäre – Fördergelder für Türkei-Zentrum gestoppt“ titelte die WAZ am 21. November 2007. Der Rechnungshof hatte bei dem 1985 gegründeten Institut „außergewöhnliche Verschwendung“ festgestellt. Indes geht es hier nicht allein um „dicke Autos, Pils und Wein“ und fette Pensionsansprüche.

Und „außergewöhnlich“ ist vor allem, dass es dem Leiter des „Zentrum für Türkeistudien“ (ZfT) überhaupt mal an den Kragen geht.

Allen, die seine fragwürdigen Umtriebe kennen, ist es nämlich ein Rätsel, weshalb der Herr Professor Dr. Faruk Sen immer wieder die Unterstützung der nordrhein-westfälischen Politiker erhielt, obwohl er, wie beobachtet wurde, mehrfach gegen die Interessen seiner eigenen Financiers (der NRW-Landesregierung) agierte.

Dafür, dass der promovierte Betriebswirtschaftler sich dann auch noch zum „Islamexperten“ ernannt hat, reicht vielleicht ein Kopfschütteln, für anderes reicht das nicht. Als „Professor der 1001 Projekte“ hat ihn der Grünen-Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir schon 1998 bezeichnet (so der SZ-Journalist Wolfgang Koydl in seiner populär gewordenen Glosse – s. unten) – „‚In Nordrhein-Westfalen kriegt er jedes Projekt durch’ – sei es noch so hanebüchen.“ Warum? Da kann man nur spekulieren.

Liegt es daran, dass er sich so „leidenschaftlich für das deutsch-türkische Verhältnis engagiert“? Oder daran, dass er „selbstbewusst, raffiniert und liberal“ ist? Natürlich ist ihm zuzugestehen, dass er mit seinem Institut auch einiges Positive vollbracht hat. Und schließlich hält er Kontakte „bis in die höchsten Spitzen der deutschen und türkischen Regierungen“. Da wurde es ihm wohl nachgesehen,

„dass er dabei auf die Landesregierung nicht immer Rücksicht nimmt, obwohl Integrationsminister Armin Laschet Kuratoriumsvorsitzender des Zentrums ist.“ Das „wird in der Landesregierung gelegentlich als kühn gewertet. Sen aber dient damit seinem Ruf als unabhängiger Experte,“

meint die WAZ. Außerdem steht jetzt auch die Kompetenz und Qualifikation der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Zentrums auf dem Prüfstand. Im Rechnungshof-Bericht heißt es:

„Bei drei Mitarbeitern fehlte der Nachweis über die Qualifikation gänzlich. Bei weiteren war nicht erkennbar, welchen inländischen Abschlüssen die ausländischen Qualifikationen entsprachen und inwieweit die Fachrichtung überhaupt für wissenschaftliche Projektarbeit benötigt wurde." Als Beispiel nennen die Prüfer den Einsatz eines "Lehrers für Turnen und Sport" im Projekt "Unternehmensfestigung durch Personalentwicklung in türkischen Unternehmen".

Mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter haben schon 1998 „unhaltbare Zustände“ im ZfT sowie eine Mischung aus Selbstherrlichkeit und Arroganz an ihrem Chef heftig kritisiert. Es kam zu Zerwürfnissen: einige wurden gefeuert, andere gingen von sich aus. Einige davon äußerten in einem Interview (liegt der Autorin vor) u.a. folgendes:

"In zweieinhalb Jahren haben 20 Mitarbeiter das Zentrum verlassen. Wenn man bedenkt, dass die gesamte Personalstärke bei rund 25 liegt, bedeutet das fast einen kompletten Austausch."
"Viele werden untertariflich bezahlt... Viele haben gar keinen richtigen Arbeitsvertrag."

"Es gibt keine Kompetenzen und keine Zuständigkeiten. Die Kompetenzen wechseln von Tag zu Tag. Jeder kennt nur seine eigene Arbeit. Wenn jemand das Zentrum verlässt, geht sein ganzes Wissen mit ihm. Salopp gesagt: Da herrscht das reine Chaos."

"Das Ergebnis einer Untersuchung muss vorher feststehen. Es wird von Sen nach politischen Maßgaben vorgegeben. Als Zielvorgabe galt beispielsweise, dass die Zahl der Selbständigen um 3500 im Jahr wachsen muss. Ich durfte nie eine Zahl veröffentlichen, die kleiner war."

"Das Zentrum hat den Anspruch, Migrationsforschung für alle Migranten zu betreiben. Aber tatsächlich werden fast nur türkische Projekte verwirklicht. Die anderen sind sauer, weil für sie keine Mittel mehr da sind. Auch wenn andere Träger Mittel fordern, kriegt sie doch wieder das ZfT."

"Ich habe nie gefunden, wie manche Zahlen zustande kamen. Das war oft Kaffeesatzleserei, weil die Grunddaten fehlten. Im Zentrum wird leichtfertig mit Zahlen umgegangen."

"Die meisten Aufträge kommen von Ministerien... Möglicherweise werden Aufträge vergeben als verdeckte Finanzierung. Diesen Eindruck muss man bekommen... Das Land kümmert sich nicht darum, was im Zentrum vor sich geht."

Auch wenn diese Aussagen neun Jahre zurück liegen, weisen die aktuellen Vorwürfe doch darauf hin, dass sich in manchem nichts geändert hat und dass die zuständigen Ministerien ihre Kontrollfunktion nur mangelhaft ausgeübt haben.

Sie haben Faruk Sen den Professorentitel verschafft, sie haben ihm den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen – trotz erheblicher Widerstände verschiedener Stellen, z.B. des damaligen Botschafters Vergau in Ankara, der die Auszeichnung ausdrücklich NICHT befürwortete. Am 22.5.1998 schrieb er an das Auswärtige Amt (Federführung Referat 701, Gz. Soz 540.30/2):

Wörtlich hieß es:

Die Botschaft hat seit langem immer wieder Belege geliefert, wonach Faruk Sen es darauf anlegt, gegenüber der türkischen Öffentlichkeit als Zeuge für deutsches Unrecht an Türken und deutsches Versagen bei der gesellschaftlichen Eingliederung dieser Minderheit Aufsehen zu erregen. Er versteht es, diese – oft in den Mantel scheinbarer Wissenschaftlichkeit gekleideten – Polemiken fast in der gesamten, ihm bereitwillig offen stehenden Presse- und Fernsehlandschaft innerhalb der Türkei deutlich sichtbar unterzubringen. Stellt man ihn zur Rede, so hält er stets wenig glaubwürdige Ausreden bereit (ungenau zitiert, aus dem Zusammenhang genommen, nicht autorisiert).
Im Gegensatz dazu verfolgt er in Aussagen gegenüber deutschen amtlichen Vertretern fast immer eine konstruktive und ausgewogene Linie. ...

Die Tätigkeit Faruk Sens wird im Wesentlichen aus öffentlichen Mitteln finanziert. Trotz Einsicht in zahlreiche objektiv zu beklagende Unzulänglichkeiten auf deutscher Seite im Umgang mit Türken ist es für die Botschaft schwer, eine solche Praxis immer weiter hinzunehmen.

Die Praxis wurde in Deutschland hingenommen – es liegt nahe zu sagen: wider besseres Wissen. Und am 4.5.1998 (Gz.: Pol 321.00 VS-Nfd – Ber.-Nr. m1088/98) übersandte der Botschafter dem Auswärtigen Amt Belege für die Konsistenz, mit der Sen gegenüber den Türken in Deutschland wie auch der türkischen Öffentlichkeit selbst

- den deutschen Parteien unter bösartiger Verzerrung der Tatsachen die Absicht fremdenfeindlicher Propaganda, die sich insbesondere gegen Türken richte, unterstellt,

- Deutschland im EU/Türkei-Kontext als “Architekten der Diskriminierung” denunziert,

- bei den Türken in Deutschland die Vorstellung nährt, sie seien eine unterdrückte Minderheit im feindlichen Exil.

Vergau beklagte:

… Bezeichnend für den anmaßenden Stil ist auch der Versuch, sich mit einer intimen Kenntnis der Berichterstattung der Botschaft und der Interna von deren Personalpolitik zu brüsten. … Der neuartige Kampagnenstil Prof. Sens entspricht weitgehend dem Typus der klassischen byzantinisch-orientalischen Intrige.

Auch einige CDU-Abgeordnete in NRW fanden diese Doppelzüngigkeit inakzeptabel, weshalb sie, als das ZfT 2001/2002 in eine Stiftung umgewandelt wurde, gegen die Bestellung von Faruk Sen zu deren Direktor stimmten. Als nicht hinnehmbar betrachteten sie vor allem, dass Sen bei den Türken in Deutschland den Eindruck erweckte, sie seien eine unterdrückte Minderheit.

Doch weder die massive Kritik des Botschafters noch die sich inzwischen häufenden Informationen konnten die Düsseldorfer Politiker zu irgendwelchen Aktivitäten gegenüber Faruk Sen bewegen. Auch nicht die von der Presse heftig kritisierte Aktion des ZfT-Leiters im April 2001, über die die taz am 20. und 21.4.2001 meldete:

„Deutschtürken sollen mit ihrem Kindergeld den türkischen Staatshaushalt sanieren, schlägt Faruk Sen vor“ und
„Zentrum für Türkeistudien will Kindergeld zweckentfremden / Das Mutterland zuerst

„Die Türkei steckt tief in der Krise. Nun hat das Essener Zentrum für Türkeistudien, eine renommierte Institution, Ankara einen Vorschlag unterbreitet. Würden die in Deutschland lebenden Türken das Kindergeld für das erste Kind (270 Mark) in der Heimat anlegen, kämen in zehn Jahren rund zehn Milliarden Mark dem Lande zugute. Was hat das Institut geritten, eine solche Idee zu Papier zu bringen? Patriotische Gefühle? Ganz gewiss und nicht zu wenig. Das Mutterland zuerst, deine Kinder danach – das ist die fatale Botschaft, die vom Leiter des Instituts, Faruk Sen, unter die hier lebenden Türken gestreut wird."

Faruk Sen wurde weiter gedeckt. Da mochten Fakten, Kritik und Einschätzungen noch so zahlreich und fest begründet sein: für das damalige Schartau-Ministerium (MASQT) waren alle, die das SPD-Mitglied Faruk Sen kritisierten, „Querulanten“.

Der aktuelle Sonderbericht des Landesrechnungshofes lässt darauf schließen, dass das 2001 geforderte Umdenken im Umgang mit dem Leiter des „Zentrum für Türkeistudien“ bis heute nicht stattgefunden hat, das sich also auch nach dem Regierungswechsel da nichts geändert hat. Was wird die Kritik des Rechnungshofes nun bewirken? Wird die CDU das Experten-Monopol des Professor Dr. Faruk Sen weiterhin stützen?

Für die immer wichtiger werdende Migrationspolitik und Integrationsarbeit benötigt Nordrhein-Westsfalen gründliche wissenschaftliche Arbeit mit guter fachlicher Qualität und mit seriösen, vertrauenswürdigen, fähigen Leitungspersönlichkeiten.

Auszüge aus Süddeutsche Zeitung 5.8.1998

„Professor für 1001 Projekte“
Ein Essener Dozent gilt als der Experte für deutsch-türkische Verständigung, doch in der Türkei schlägt er andere Töne an
von Wolfgang Koydl

(…) Es gibt kaum etwas zwischen Aachen und Ankara, Bottrop und dem Bosporus, was dieses Institut nicht erkundet - Hauptsache, es hat wenigstens entfernt einen türkischen Bezug und läßt sich publizistisch verwerten. Als "Mann der 1001 Projekte" bezeichnet der türkischstämmige Grünen-Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir den 50-jährigen promovierten Volkswirtschaftler Sen. "In Nordrhein-Westfalen kriegt er jedes Projekt durch" - sei es noch so hanebüchen: Zuletzt überbrachte Sen dem Düsseldorfer Wissenschaftsministerium die kaum überraschende Kunde, daß sich alle Türken als Türken fühlten, egal woher Eltern und Großeltern stammten.

Was zunächst eine Nische war, hat Sen zum Monopolbetrieb ausgebaut: Wann immer in der Bundesrepublik Fragen zu Türken und zur Türkei gestellt werden, steht der Professor bereit, dem man zugestehen muß, daß manche seiner Arbeiten verdienstvoll waren. Doch in den letzten Jahren gibt er auch ungefragt Antworten auf Fragen, die oft gar nicht als Problem angesehen worden wären (…)

Er hat auch den häßlichen Begriff "türkische Wohnbevölkerung" erfunden und propagiert. Und was auffällt: In seinen Studien stellt Sen penibel die Eigen- und Besonderheiten der "türkischen Minderheit" heraus. Aus seiner Sicht verständlich: Gäbe es keine "türkische Wohnbevölkerung" mehr, sondern nur Deutsche türkischer Herkunft, wären er und sein "Zentrum" arbeitslos. (…)

Zum Glück für den Professor verstehen nur wenige Deutsche Türkisch, und von Vorteil für ihn ist es wohl auch, daß man in der Düsseldorfer Staatskanzlei offenbar keine türkischen Tageszeitungen hält. Denn wenn Sen in seiner türkischen Heimat schreibt oder spricht, gibt er gleichsam seinen neuen deutschen Paß ab und wird zum Mustertürken. Der Abgeordnete Özdemir hat bemerkt, daß er den Essener Professor in türkischen Talkshows "nicht wiedererkennt". (…)

Ob er nun in der islamistischen Zeitung Zaman schreibt, im säkularen Magenblatt Milliyet oder in der englischsprachigen Turkish Daily News - vom friedlichen Miteinander von Deutschen und Türken, von Bemühungen um Integration ist da nicht mehr so viel die Rede. Vielmehr spricht er vom anti-türkischen "Rassismus" in der EU und - wortgleich mit der Propaganda Ankaras - von Ressentiments gegen die "islamische Türkei". Da hat die Türkei „genug der Lügen gehört und wird keine weiteren leeren Versprechungen dulden".

Von der Mahnung ist es nur ein kleiner Schritt zur ominösen Drohung: "Es ist nun an der Zeit, daß sich große und kleine Länder, die in der EU der Türkei Unrecht zugefügt haben, Gedanken machen." Deutschland sollte man "widrigenfalls tatsächlich" die "größte Rechnung" ausstellen. Freilich sei die Bundesrepublik ein "Staat mit zwei Kulturen" geworden, mit einer deutschen und einer türkischen "Volksgruppe" vergleichbar mit Cypern, wo es die große griechische Volksgruppe gibt und Rauf Denktasch die türkische Volksgruppe anführt. Wer weiß, vielleicht ist dies ja das Ziel des Professor Doktor Faruk Sen: Als Denktasch von Deutschland eine herausragende politische Rolle zu spielen - in Bonn, Berlin und Ankara.

"Zentrum für Türkeistudien" Fördergelder gestoppt - „Außergewöhnliche Verschwendung“

 
 

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