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Die Fähigkeiten der Hezbollah waren niemals so groß wie jetzt
Gudrun Eussner 2 Dezember 2007
Von Gudrun Eussner
Nun ist der Figaro schon eines der besten französischen Blätter, wenn nicht das beste, aber man staunt doch immer wieder über die Berichterstattung. Heute gibt´s Zweidrittel einer Seite zum Thema Libanon, ausgestattet mit einem Bericht des Auslandskorrespondenten Georges Malbrunot, Grand Reporter, über den möglichen neuen Präsidenten des Libanon Michel Sleimane. Seine Wahl steht für den 7. Dezember 2007 an. Der Artikel des Georges Malbrunot ist wie alle seine Beiträge von erster Qualität. (1)
Zur Erinnerung: Georges Malbrunot, Le Figaro, ist gemeinsam mit Christian Chesnot, Radio France International, von August bis Dezember 2004 Geisel im Irak. (2)
Dann liest man von Thierry Oberlé über die Hezbollah und ihre Entwicklung seit dem letzten Libanonkrieg. Dazu kommt einem sofort wieder die UNIFIL-Flagge in den Sinn, sie weht einträchtig mit der Flagge der Hezbollah, die Geiselnahme durch Hezbollah-Terroristen, von israelischem Territorium, der zwei israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev unter den Augen der UNIFIL, man erinnert sich des Fotos, auf dem ein spanischer UNIFIL-Soldat einem Hezbollah-Freund grinsend die Hand reicht. Ein Klick auf die Site der UNIFIL, und man ist wieder bei ihren Anfängen; sie wird 1978 eigens dazu gegründet, Israel in Schach zu halten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. (3)
Inzwischen besteht sie aus 13 264 Truppen, unterstützt von 298 internationalen und 571 nationalen zivilen Kräften. Trotz oder vielleicht wegen dieses Arbeitsbeschaffungsprogramms für 14 133 Personen zur Wiederherstellung der Autorität der libanesischen Regierung, ausgestattet mit einem Jahresbudget 2007/2008 von 748,20 Millionen Dollar, ist es der Hezbollah möglich, seit Kriegsende zu einer nie dagewesenen Stärke anzuwachsen. (4)
Was berichtet der eigens nach Beirut entsandte Thierry Oberlé im Figaro zum Thema Hezbollah?
Er beginnt mit einem Siegesspruch des Hassan Nasrallah, daß niemand auf der Welt die Hezbollah entwaffnen könne. Das verkündet der immer und überall. "Der Widerstand ist bereit, einen historischen Sieg zu erringen, der das Erscheinungsbild der Region verändern würde," erkläre er auf dem Märtyrer-Gedenktag. Das sei ernstzunehmen; denn nie habe man Hassan Nasrallah in flagranti bei einer Lüge ertappt. Der Mann ist aufrecht!
Westliche Militärexperten und Diplomaten wüßten, daß die Hezbollah ihr Waffenarsenal massiv aufgestockt habe, die Waffen kämen aus dem Iran, und sie würden über die syrische Grenze geliefert, darunter Hunderte von Zilzal Raketen, die Tel Aviv erreichen können. Der Libanon hat nur zwei Landgrenzen, die eine nach Israel, die andere nach Syrien. Kein Wort darüber, daß Syrien es sich verbittet, daß UNIFIL-Truppen an seiner Grenze stationiert werden, und daß der UN-Sicherheitsrat mangels anderer Einigung dieser Bitte umgehend entspricht. (5)
Neben der Bewaffnung der Hezbollah gebe es noch eine Rekrutierungskampagne großen Stils. Pro Jahr 2000 bis 3000 neue Kämpfer stießen zur Hezbollah und würden militärisch ausgebildet, schätzten westliche Militärexperten. 50 000 bis 60 000 Mann könne die Hezbollah im Falle eines Konfliktes mobilisieren, darunter 2000 bis 2 500 professionelle Militärs, ebenso viele wie die libanesische Armee, schreibt Thierry Oberlé und zitiert den Experten Patrick Haenni, von der International Crisis Group zu Befürchtungen, daß sich die Widerstandsbrigaden (sic!) hin zu nichtreligiösen Schiiten von der Amal und zu Kandidaten für Selbstmordattentate öffnen könnten. Die Waffen seien für die Schiiten des Libanon zum Symbol einer neuen identité communautaire, einer gemeinschaftlichen Identität geworden: vom Widerstandsapparat zur nichtkonventionellen Armee. (6)
Es ist wie mit der Identität der Palästinenser, sie ergibt sich aus der Negation, aus Haß und Zerstörung.
Für diese Informationen bräuchte man keinen Korrespondenten nach Beirut zu entsenden, drei Anrufe und einige Googelei, und schon hätte man alles Nötige. Nun aber kommt endlich etwas über die Lage vor Ort. Wenn man in der Gegend von Baalbeck vom Wege abkomme, werde man schnellstens von schiitischen Milizen auf den vorgeschriebenen Weg geleitet. Das ist im Grunde auch nichts Neues, wenn man an die Szenen während des Libanonkrieges denkt, da kein Journalist auch nur einen Schritt machen kann, ohne daß PR-Agenten der Hezbollah sie begleiten. Die Berichterstattung ist entsprechend, Stichwort: Green Helmet.
UNIFIL Soldaten, die sich unvorsichtigerweise außerhalb der durch ihr Mandat festgelegten Einsatzzone aufhielten, würden schonungslos zurechtgewiesen: "Die Hezbollah baut neue Unterstände außerhalb der von der UNIFIL überwachten Zonen", erklärt Timur Goksel, ein ehemaliger UNIFIL-Sprecher. Der Spiegel weiß allerdings schon am 27. Juli 2006, daß Timur Goksel Berater der UNIFIL-Truppen im Süd-Libanon war (war!), UNIFIL-Sprecher war er vor dreißig Jahren, und inzwischen lehrt er seit vielen Jahren an der Notre Dame University, eben derjenigen, die Tariq Ramadan im Jahre 2004 zum Professor ernennen will, sowie an der American University of Beirut. Mit ihm kann man ebenfalls telefonieren, wie die linke New Yorker Site Democracy Now! der Journalisten Amy Goodman und Juan Gonzalez während des Libanonkrieges zeigt. Ein Blick auf die Startseite von Democracy Now! und man sieht, was von einem solchen Telefonat zu erwarten ist. (7)
Selbstverständlich ist das Telefoninterview ein einziger Schmäh gegen Israel: Es kümmert sie nicht, ob sie einen UN Mann oder sonst wen auf der libanesischen Seite töten, erklärt Timur Goksel, für sie ist ihr eigenes Leben heilig, ihre eigenen Truppen sind heilig. Sie haben eine Berufung, und wenn die UN ihnen in den Weg kommt bei ihren Aktivitäten dort, wenn die UN getroffen wird, ist das eben so. Das ist es, was ich sage. Die UNIFIL sei nicht Hezbollah-freundlich, das weist Timur Goksel weit von sich, genauso, wie sie seinerzeit, ab 1978, nicht palästinenserfreundlich gewesen sei, und das mag man schon eher glauben: genauso! (8)
Das sind die Informanten des Thierry Oberlé, und jetzt wird´s wirklich spannend: Die Hezbollah möchte ihren Aktionsradius vergrößern: ein reicher mit der schiitischen Bewegung (sic!) liierter Geschäftsmann hat bedeutende Flächen in der Nähe von Sraireh aufgekauft, in einer drusisch-christlichen Gegend. Das Ziel sei, durch Passagen das bergige Gebiet im Norden des Litani mit den benachbarten schiitischen Gemeinden im Westen zu verbinden. Herr Oberlé, wer, bitte, ist dieser reiche Geschäftsmann? Sie befinden sich dort und wissen es nicht - oder wollen Sie es den Lesern vorenthalten? Wer schadet seinem Land so? Wer kann sich eine solche Spende leisten, und, Herr Oberlé, wer verkauft im Libanon Boden an die Terroristen von der Hezbollah? Wem gehört der Boden vorher? Dazu haben Sie nichts zu sagen?
Das ganze Gebiet südlich des Litaniflusses soll nach dem Willen Teherans und der Hezbollah eine Pufferzone werden für einen zukünftigen Krieg. Zerstörte Dörfer werden dort nicht wieder aufgebaut. Südlich des Litaniflusses dürfen nach Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates keine Waffen getragen, anscheinend aber mit Wissen der UNIFIL stillschweigend eingelagert werden. (9)
Teheran kauft über Strohmänner und Firmen der Hezbollah libanesische Dörfer auf. Nun wird die Zone nördlich des Litaniflusses zum Aufmarschgebiet für Waffen ausgebaut. Einzelheiten, von denen Thierry Oberlé wohl noch nie vernommen hat, liest man bei Amir Taheri. (10)
Dann kommt der envoyé spécial des Figaro noch mit dem längst bekannten theatralischen Manöver der Hezbollah südlich des Litaniflusses. Da bin ich in Israel, als das abspult, angeblich als Antwort auf israelische Manöver an der Nordgrenze; es ist schon fast einen Monat her. Die Terroristen wären im Manöver unbewaffnet von Naquoura, im Westen, bis zum Mount Hermon, im Osten gezogen. (11)
Da hätte man einen Satz erwartet, daß Naqoura, am Mittelmeer, der Sitz der UNIFIL ist, die Terroristen sind also unmittelbar unter den Augen der UNIFIL losgezogen, und daß der Mount Hermon direkt an der syrisch-libanesisch-israelischen Grenze liegt, eben dort, wohin die UNIFIL nicht darf. Der Südhang des Berges ist seit dem Sechstagekrieg israelisch, zunächst verwaltet, dann, 1980, annektiert. Interessant wäre auch zu erfahren, daß die UNIFIL und Ministerpräsident Fouad Siniora dementieren, daß es ein solches Manöver gegeben hat. Thierry Oberlé berichtet, daß Tausende von Kämpfern an dem Manöver beteiligt sind, südlich des Litani, an der Grenze zu Israel. Sie hätten neue Systeme getestet zur Beseitigung von Lücken, die während des Krieges, im Sommer 2006, in der Front zu beobachten gewesen wären. (12)
Woher weiß Thierry Oberlé, daß UNIFIL und Fouad Siniora unrecht hatten, und von wem? Wieviele und welche Waffen hat die Truppe während ihres Manövers von der syrischen Grenze abgeholt und in die Stellungen eingelagert? Das hätten bestimmt noch mehr Leser gern gewußt als nur ich, aber die Informationspolitik der französischen MSM gibt´s auch nach dem Ende der Ära Chirac nicht her.
1. Dezember 2007
Quellen
(1) Liban : le chef de l´armée favori pour la présidence. Par Georges Malbrunot, Le figaro, 1 décembre 2007, p. 4
http://tinyurl.com/yruy9h
(2) Christian Chesnot, Georges Malbrunot und die abenteuerlichen Unternehmungen des Didier Julia - Philippe Brett und Phillippe Evanno in Untersuchungshaft. 25./28. Dezember 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-12-25_01-36-49.html
(3) UNIFIL-Truppen paktieren mit Hezbollah-Terroristen. 27. Juli 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-07-27_21-24-56.html
(4) United Nations Interim Force in Lebanon (UNIFIL)
http://www.un.org/Depts/dpko/missions/unifil/
(5) Syria opposes U.N. force on border, Richard Roth and CNN, August 24, 2006
http://tinyurl.com/2nhkl2
(6) Talking To: Patrick Haenni. NOW staff, October 12, 2007
http://www.nowlebanon.com/NewsArticleDetails.aspx?ID=16115
Hizbollah and the Libanese Crisis. Middle East Report Nr. 69, October 10, 2007
http://www.nowlebanon.com/Library/Files/EnglishDocumentation /Studies/hezbollah.pdf
(7) UNIFIL-Berater. "Jeder Kampftag ist ein Sieg für die Hisbollah". Das Interview führte Ulrike Putz in Beirut, SpiegelOnline, 27. Juli 2006
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,428894,00.html
(8) Kofi Annan Says Israel´s Fatal Attack on UN Force in Lebanon was "Apparently Deliberate". Democracy Now! July 26, 2006
http://tinyurl.com/ynnoxe
(9) Resolution 1701 (2006), verabschiedet auf der 5511. Sitzung des Sicherheitsrates, 11. August 2006
http://tinyurl.com/yo3csh
(10) Iran´s Land Grab. By Amir Taheri, The new York Post, September 2, 2007
http://tinyurl.com/2y4rjx
(11) La capacité militaire du Hezbollah, encore plus grande. Par Thierry Oberlé,
Le Figaro, 1 décembre 2007
http://tinyurl.com/2seulm
(12) Le Hezbollah aurait procédé à des manoeuvres sans précédent. Liban le blog-Info, 5 novembre 2007
http://tinyurl.com/2hwubp
UNIFIL Deployment, as of July 2006. CounterTerrorismBlog.org
http://counterterrorismblog.org/maps/battlemap-south-lebanon.jpg
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