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Muslimbruderschaft: Urzelle des politischen Islam
kopten ohne grenzen 4 Februar 2011
Alte, Junge, Linke und Islamisten – sie alle nehmen am Millionenmarsch gegen das Regime Mubarak teil. Alle träumen von einem Ägypten ohne Mubarak.
Sie könnte als Sieger aus dem Aufbegehren des ägyptischen Volkes gegen den als Despoten empfundenen Präsidenten Husni Mubarak hervorgehen: Die verbotene, aber geduldete islamistische Organisation der Muslimbrüder.
Sie ist der stärkste Teil der ägyptischen Opposition – und die Urzelle des politischen Islam, aus der zahlreiche militante und terroristische Splittergruppen hervorgegangen sind. Diese Urzelle hat sich zwar mittlerweile selbst einer demokratischen Grundordnung geöffnet und lehnt, zumindest offiziell, Gewalt ab. Doch nicht nur Israel, auch der Westen ist skeptisch.
Der Vater der Bewegung trägt einen dunklen Kinnbart und ein leichtes Lächeln. Konserviert ist sein Konterfei in Internetforen, tausendfach zu sehen, sein Name: Hassan El-Banna. Er ist die Ikone jenes politischen Islamismus: Als Märtyrer wird er verehrt, weil er 1949 in Kairo auf offener Straße erschossen wurde, vermutlich im Auftrag des ägyptischen Königshauses. Gemeinsam mit sechs Arbeitern der Suezkanal-Gesellschaft hat der Sohn eines Imams, der selbst als Volksschullehrer arbeitete, Idee und Gestalt der Muslimbruderschaft entwickelt. Traumatisiert durch das Ende des Osmanischen Reiches und den Siegeszug des Westens, der sich Ende des 19. Jahrhunderts immer schneller modernisierte und die arabische Welt mit ihrer Innovationsfähigkeit in Wissenschaft und Technik, in Politik und Verwaltung zu überrollen drohte, suchte El-Banna nach einem Weg, diese, seine Welt zu stärken.
1906 in ein kleinbürgerliches Milieu, das fest in Traditionen wurzelte, hineingeboren und religiös erzogen, schien ihm die britische Fremdherrschaft über Ägypten unerträglich. Den Weg aus dieser Unterlegenheit hinaus suchte El-Banna in der Rückbesinnung auf alte Werte, auf einen fundamentalen Islam, auf eine Einheit aus Glaube und Politik. So erfand er einen radikalen Islamismus, den er auch zur politischen Marschroute erhob. Diese befürwortete als Kampfmittel auch den Jihad. Auch wenn Jihad nicht nur den Kampf der Muslime mit Waffen, sondern vor allem auch die Anstrengung im moralischen Sinne meint, beziehen sich auf die Person El-Bannas und auf seine Schriften bis heute Terroristen. Auch, wenn die Muslimbrüder selbst inzwischen vor allem in Ägypten gemäßigtere Realpolitik betreiben und nach einem Mittelweg zwischen Gottesstaat und demokratischem Staatswesen suchen.
Sitte, Glauben, Werte: Die Ausrüstung des Orients, schrieb El-Banna in seinen Memoiren, seien Sitte und Glauben. Nur durch diese beiden könne all das, was der Orient verloren habe, zu ihm zurückkehren. Der Islam als Lösung für alle Probleme der staatlichen Organisation, als Grundlage der Gesetze – jene Idee breitete sich vom Mutterland Ägypten ausgehend schon wenige Jahre nach der Gründung der Muslimbruderschaft in der arabischen Welt aus und fand Hunderttausende Anhänger. Heute will die Bruderschaft nach eigenen Angaben etwa 70 Ableger weltweit haben, die sich ideologisch aufeinander beziehen, aber weitgehend eigenständig handeln. In Europa und auch in Deutschland gibt es Dachorganisationen, die die Anhänger und Unterorganisationen vereinen.
Zum radikalen Auftreten nach außen gehörte eine innere Einigung der Gesellschaft in den jeweiligen Ländern: Von Beginn an schufen die Muslimbrüder ein eigenes System sozialer Versorgung, das vor allem sozial Benachteiligten zugutekam. Nicht nur Moscheen, sondern auch Krankenhäuser, eigene Fabriken und Schulen gehören zu dieser allumfassenden sozialen Versorgung. Besonders der Bildung und Ausbildung junger Menschen widmen die Muslimbrüder ihre Aufmerksamkeit. So sollen die Gläubigen in das Wertesystem sozialisiert werden.
MuslimbruderschaftPartei, die keine sein darf: Doch neben dem sozialen Gesicht entwickelte sich auch der militante Arm der Bewegung weiter, den die in sich streng hierarchisch organisierte Mutterorganisation nur bedingt kontrolliert. Anfang der 40er-Jahre schufen sich die Muslimbrüder ein eigenes Militär – die Keimzelle jener militaristischen Splittergruppen, die sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte immer wieder aus den Reihen der Muslimbrüder abspalten sollten. Die wohl bekannteste: Die palästinensische Hamas. Eine Verbindung, die vor allem Israel in der aktuellen politischen Situation in Ägypten als zutiefst bedrohlich empfindet. 1952 unterstützten die Muslimbrüder den Putsch der sogenannten "Freien Offiziere" gegen das ägyptische Königshaus.
Unter dem neuen Präsidenten Gamal Abdel Nasser kam es jedoch bald zu Spannungen, die Muslimbrüder wurden verboten, wichtige Köpfe inhaftiert, manche sogar getötet. Der wichtigste unter ihnen: Sayyid Qutb, der sich zum wichtigsten Denker des militanten Islamismus entwickelte und 1966 hingerichtet wurde. Seine Schriften gelten heute als Lektüre für Terroristen. Zunächst sollten sich die Muslime aus der falschen Welt, in der sie leben, zurückziehen – um dann im Kampf den Unglauben zu überwältigen, so die radikale Theorie, die Qutb in Werken wie "Wegzeichen" und "Soziale Gerechtigkeit im Islam" entwickelt hatte – und die beinhaltete, dass auch alle Muslime, die sich dieser Sicht nicht anschließen, zu Ungläubigen erklärt werden. Und diese gelte es zu bekämpfen.
Endstation ungewiss: Unter dem Nachfolger Anwar Al-Sadat entwickelte sich die Muslimbruderschaft trotz dieses indirekten Aufrufes zum bewaffneten Kampf zu einer Organisation, die Gewalt offiziell ablehnte. Aus der Bewegung heraus entstanden dennoch immer neue Abspaltungen, darunter auch die Organisation "Islamischer Jihad", die Sadat 1981 ermordete. Auch Ayman Al-Zawahiri, der ideologische Kopf und zweite Mann bei Al-Kaida hinter Osama bin Laden, entstammt dieser Organisation.
In Ägypten hat sich die Muslimbruderschaft selbst dagegen im vergangenen Jahrzehnt zu einer Art Partei entwickelt, die offizielle keine sein darf, aber von weiten Teilen des Bürgertums und der kleinen Leute getragen wird. Sie ist die mit weitem Abstand stärkste Oppositionspartei, einem Strategiepapier zufolge nicht mehr dezidiert anti-westlich – prowestlich dürfte sie aber aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte keinesfalls einzuschätzen sein. Wo der Weg jener mehr als 90 Jahre alten Organisation hinführt, das dürfte der Verlauf der kommenden Tage entscheiden.
{Quelle: FOCUS Online – von Katja Riedel}
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