• Jihad und „MTV-Islam“

thomastartschhomepage 09 Dezember 2007
Von Dipl.-Soz.Wiss. Thomas Tartsch

Der Medienjihad als Rekrutierungsmedium des indigenen „homegrown terrorism“

Ein schöner Sommertag in Afghanistan. Auf dem Bildschirm versammelt sich eine Gruppe von Mudschaheddin zum militärischen Training. Analog zu regulären Streitkräften wird der straffe Lehrplan exakt eingehalten: Aufwärmtraining, Waffen- und Schießkunde, abschließend das Üben von Attentaten durch zweier Gruppen. Ortswechsel.

Beginnend mit der Lobpreisung Allahs und untermalt von tschetschenischen Volksweisen bietet sich dem Betrachter fast zehn Minuten lang eine collagenhafte Aneinanderreihung videoclipartig gestalteter realer Szenen der Eliminierung von russischen Soldaten durch tschetschenische Mudschaheddin in den letzten Jahren. Andere Videos zeigen tschetschenische Mudschaheddin in den Gefechtspausen bei sportlichen Aktivitäten als Beweis für eine verschworene Kameradschaftsgruppe.

Diese drei willkürlich herausgegriffenen Beispiele jihadistischer Propagandavideos, die in der virtuell-digitalisierten Gegenwelt des „Heiligen Krieges“ jederzeit abrufbar sind, verdeutlichen eine neue Entwicklung zur Rekrutierung von Mudschaheddin in den westlichen Ländern durch die transnationale „Cyber Umma“ als virtueller Vergemeinschaftungsraum. Nicht mehr allein der laborierte Code islamischer ’Ulema, der für die Majorität der nicht mit dem theologischen Wissen ausgestatteten Muslime unverständlich bleibt, rechtfertigt den Jihad durch eine fatwâ.

Vielmehr bestimmt ein „MTV-Islam“, der seine Botschaft durch eine Ästhetik der Gewalt transportiert, die Sehweise von immer mehr jungen Muslimen in den europäischen Diasporagemeinden. Neben der oft fragmentarisch bleibenden nationalstaatlichen Loyalität zur Einwanderungsregion der Elterngeneration hat sich eine neue Identität als „Muslim sein“ entwickelt, die jeden Angriff auf das „Dar al-Islam“ als Angriff auf das muslimische Kollektiv der al-Umma al-Islamiyya deutet, welche durch den Jihad verteidigt werden muss. Dabei spielt die oftmals nicht gegebene ethnische, politische oder räumliche Nähe des Alltagslebens zum Konflikt keine Rolle mehr, da die transnationale Megaidentität eine Verortung des eigenen Lebens im alleinigen sinnstiftenden Zweck der Existenz als Mudschaheddin und der Teilnahme am Jihad gegen „Juden und Kreuzritter“ ermöglicht.

Damit konform geht eine Extremisierung und Brutalisierung durch Legitimierung menschenverachtender Verhaltensweisen, die sich etwa in den inszenierten Enthauptungsvideos des bis zu seiner Tötung als al Qaida Stellvertreter im Irak agierenden Mus’ab al-Zarqawi Bahn gebrochen haben. Durch die jederzeit abrufbare Konsummöglichkeit aus dem weltweiten Netz, die nicht mehr an zeitliche, örtliche, und räumliche Dimensionen gebunden ist, wird eine Implantation der zur totalitären Gewaltideologie umgedeuteten Bedeutung des historischen Jihad als reglementierter Angriffs- und Verteidigungskrieg vorangetrieben, an dessen Endpunkt die Bereitschaft steht, als shahîd (Märtyrer, der im Jihad getötet wird) sein Leben zu opfern. Dies bezieht sich nicht nur auf Afghanistan, den Irak oder Tschetschenien, sondern auch auf europäische Städte wie Madrid, London, Glasgow und Neu-Ulm.

Während Propagandierungs- und Rekrutierungsmedien, wie die seit Ende 2006 im Internet kursierenden deutschen Übersetzungen klassischer Jihadliteratur, ein gewisses Maß an sprachlicher Kompetenz und religiösen Grundkenntnissen voraussetzen, ermöglicht der MTV-Islam eine Zielgruppen gerecht aufbereitete „Fast Food“ Vermittlung von Botschaften mittels Bildern, die für sich sprechen. Zugeschnitten auf eine Generation, die mit Videoclips, Gewaltfilmen und Videospielen aufgewachsen ist und die die technologischen Kenntnisse besitzt, diese Videofilme auf den Computer oder das Mobiltelefon zu downloaden. Das ermöglicht eine nonverbale Kommunikation jenseits persönlicher „Face to Face“ Kontakte, die das abbildet, was nicht wenige junge Muslime mittlerweile für Realität halten: den Jihad als ruhmreiches Abenteuer, dessen Belohung in einem Platz im metaphysischen Paradies besteht. Denn der shahîd erhält im Augenblick seines Todes mit seinem blutigen Hemd Eintritt in das Paradies (Dschanna), wo u.a. 72 ewig jungfräuliche und großäugige Mädchen (Huris) auf ihn warten (so im Koran in Sure 44, Vers 54 u.a.).

Im globalen Netz hat sich damit von der Mehrheitsgesellschaft unbemerkt eine transnationale und teilweise salafitische Cyber Umma als virtueller Gemeinschaftsraum verfestigt, die den indigenen eurozentristischen „homegrown terrorism“ hervorgebracht hat. Gebildet wird dieser primär von nach außen scheinbar integrierten jungen Muslimen, die vielfach nach einem Erweckungserlebnis als „Newborn-„ oder „Reborn-Muslim“ den Weg zu jihadistischen Zellen finden, in denen sie im weiteren Verlauf durch gruppendynamische Prozesse als Mitglieder einer sich abschottenden verschworenen „in-Group“ die letzte Stufe zum Jihadisten durchlaufen.

So Zaman, einer der im Sommer 2006 im Zuge der Vereitlung von geplanten simultanen Anschlägen auf Verkehrsmaschinen in Großbritannien festgenommenen Verdächtigen, ein nach außen hin integrierter Student der Biomedizin. In seinem Inneren nach dem 11.09.2001 durch den Konsum einschlägiger Videos zum Anhänger sinister Verschwörungstheorien geworden, die ihn überzeugten, keine Muslime wären an den Attentaten beteiligt gewesen.

Das bewirkte die erste Stufe einer zunehmenden Jihadisierung, die ihn über Indoktrination durch die pakistanische „Tabligh-i Jama’at“ zur Einbindung in jihadistische Netzwerkstrukturen führte. Auch der türkischstämmige Muslim Tolga Dürbin durchlief einen Jihadisierungsprozess, der von der Radikalisierung in Deutschland über die Ideologisierung in Ägypten zur Jihadisierung in Pakistan führte. Er stand in enger Verbindung zu dem deutschen Konvertiten Fritz Martin Gelowicz, der einer der drei im September 2007 festgenommenen Mitglieder eines in Deutschland aktiven jihadistischen Netzwerkes von rund 40 – 50 Personen war, welches Bombenanschläge mit hohem body-count primär gegen amerikanische soft targets in Deutschland plant(e).

Solche Karrieren werden sich in Zukunft häufen, da die Konflikte zwischen islamischer und nichtislamsicher Welt zunehmen werden. Die Kampagnenfähigkeit solcher Ereignisse wie den Karikaturenstreit hat sich in weltweiten und gewalttätigen Protesten ausgedrückt, die von interessierter muslimischer Seite geschürt wurden.

Dieser Streit war nach Angaben der exogenen Kofferbombenattentäter auch die auslösende Motivation für die versuchten Anschläge auf Regionalzüge im Sommer 2006. Zwar erreicht der MTV-Islam diese Größenordnung der Massenmobilisierung nicht, er ist jedoch für die innere Sicherheit jedes westlichen Landes als elementare Bedrohung einzustufen. Schon aufgrund der oft nicht gegebenen und an nationalstaatlichen Grenzen endenden Bekämpfungs- und Eindämmungsmöglichkeiten der hier lebenden und aus Ausbildungscamps der al Qaida zurückkehrenden jihadisierten Muslime und Konvertiten, die den MTV-Islam nicht mehr benötigen, da sie die Ideologie verinnerlicht haben.


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Hintergrund: Christian Manfred Ganczarski

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Jihad und „MTV-Islam“



Literatur:

Thomas Tartsch: "Da’wa und Jihad – Islamischer Fundamentalismus und Jihadismus. Bedrohung der inneren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland?" Eine vertiefende Analyse unter Einbeziehung aktueller und empirischer Daten

Tartsch: Islamismus, Dialog und Euro Islam





 
 

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