Mullahs, Bin Laden und die Revolte der Diplomierten

WELT ONLINE  6 Mai 2011
Von Michael Stürmer

Das Aufbegehren der Jugend versetzt den arabischen Krisenbogen in ganz neue Schwingungen. Doch Enttäuschung und Radikalisierung stehen bevor. Als Osama Bin Laden starb, hatte er sich selbst schon überlebt. Die arabische Welt, statt sich in Empörung zu zerlegen, ist anderweitig beschäftigt und nimmt das Ende des Großterroristen allenfalls mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Der Todesmythos wird noch späte Anhänger befeuern.

Aber die arabische Jugend skandiert nicht die zynische Botschaft Bin Ladens an den Westen: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod." Die jungen Araber lieben das Leben und mehr noch die Freiheit. Sie finden sich im Aufstand gegen die Rückständigkeit ihrer Herrscher, Stagnation ihrer Kultur, Unterentwicklung, Korruption und Geheimpolizei.

Al-Qaida steht heute allenfalls für Rückkehr in eine islamische Gewaltmythologie, die im Blutsumpf stecken blieb. Die jungen Leute vom Tahrir-Platz in Kairo – in der Mitte der arabischen Welt – suchen eine Zukunft, die sie in Begriffen beschreiben, die vom europäischen Ufer des Mittelmeers kommen: Menschenwürde und Freiheit, Trennung von Staat und Moschee und das Recht auf die Suche nach dem Glück.

Al-Qaida und die Salafisten, aber auch die Wahhabiten des saudi-arabischen Königreichs verheißen von allem das Gegenteil. Der innerarabische Kampf geht um Anschluss an die moderne Welt oder Ausschluss, um Selbstbestimmung der Bürger oder Entmündigung der Untertanen.

Das ist, spät und verworren, krisen- und kriegsträchtig, nichts Geringeres als die Französische Revolution der arabischen Welt. Das Original hat 25 Jahre gedauert, umfasste Akte des Idealismus und der Gewalt, brachte Krieg und Bürgerkrieg, Unordnung und neue Ordnung – und hat seitdem Denken und Gestalt der europäischen Welt bestimmt und bis an die Enden der Erde alles verändert.

Allenfalls der erste Akt

Von der arabischen Revolution hat man bisher allenfalls den ersten Akt gesehen. Gleichwohl ist es Zeit für eine Zwischenbilanz. Denn Europa hat nicht das Privileg, mit untergeschlagenen Armen zuzuschauen, wie alles in Bewegung kommt. Der Nahe Osten ist dafür zu nah (...)