"Multikulturalismus führt in den Bürgerkrieg” – Gespräch mit Prof. Flaig III

blog.zeit.de/stoerungsmelder 10 August 2011
Von Mathias Brodkorb

Am 30. April 2008 trafen wir uns mit Prof. Flaig in Rostocks Weinwirtschaft, um über zentrale Aspekte hiesiger Erinnerungskultur und Geschichtspolitik zu diskutieren. Im Folgenden veröffentlichen wir den dritten Teil des Gesprächs.


ENDSTATION RECHTS.:
Das rechte Denken hat sich in den letzten Jahrzehnten fundamental verändert. An die Stelle eines Wertigkeitsdiskurses im Gewande der biologischen Rasse ist der so genannte Ethnopluralismus getreten, also ein "Sprachspiel”, das Wertungen ablehnt und stattdessen für ein Lob der Differenz plädiert, wie man es seit Jahrzehnten auf Seiten der Linken kennt. Diese Verschiebung können Sie von der neuen Rechten bis zur NPD feststellen. Demnach sollen die Völker und Kulturen in Vielfalt koexistieren – aber jeweils in nationaler Abgeschiedenheit. Muss vor dem Hintergrund des sich ausbreitenden Relativismus der Ethnopluralismus als postmodernes Phänomen, als Einbruch der Rechten in das ideologische Feld der relativistischen Linken angesehen werden?


Prof. Flaig:
Mir scheint, die Klassifizierung ‚links-rechts’ stimmt schon lange nicht mehr. Die Linke war traditionell, seit der französischen Revolution, universalistisch ausgerichtet und auf ‚Gerechtigkeit’ und ‚Freiheit’ orientiert. Das ist längst vorbei. Einerseits vertritt die Postmoderne ziemlich genau die Positionen der menschenrechtsfeindlichen Reaktionäre des 19. Jahrhunderts; daher ist Nietzsche auch ihr Kronzeuge. Anderseits hat sich die Linke mit dem Zusammenbruch des ‚proletarischen’ oder wenigstens ‚sozialistischen’ Internationalismus verabschiedet vom Universalismus. Ihr ‚Internationalismus’ ist zusammengeschrumpft zu einer emotionalisierten ‚Solidarität’ mit den ‚Unterdrückten’, diese kakophone Begleitmusik des ‚Antikolonialismus’, der mit anti-universalistischem Pathos die eigene Kultur ‚verteidigt’. Dieses ‚Verteidigen’ führte nicht nur bei Frantz Fanon zu faschistoiden Konsequenzen, sondern fast überall in der so genannten ‚Dritten Welt’. Daher die verblüffende Verwandtschaft der Sprache der ‚antikolonialischen’ Ideologie mit der Sprache des Nationalsozialismus. Daher auch die Nähe entschiedener Linken zum Antisemitismus, in der Israel-Frage täglich zu sehen.


ENDSTATION RECHTS.
: Dann wäre es also nicht die ethnopluralistische Rechte, die vom linken Multikulturalismus Ideen borgt, sondern es wäre die Linke, die sich auf ein sehr sumpfiges ‚rechtes’ Gelände begeben hätte?


Prof. Flaig
: Genau das behaupte ich; ich folge darin Alain Finkielkraut und anderen. Mein Kronzeuge ist kein geringerer als der größte Anthropologe des 20. Jahrhunderts, nämlich Lévi-Strauss, der 1971 die Verteidigung der kulturellen Vielfalt zum Programm erhob und darauf hinwies, dass damit selbstverständlich die Xenophobie – der Fremdenhass – ein notwendiges und gerechtfertigtes Verhalten sei, und zwar nicht nur gegen die Europäer, sondern zwischen allen Kulturen überhaupt. Die entsetzliche Konsequenz, zu der Lévi-Strauss gelangt, lautet schlicht: Nur durch Feindschaft und Abwertung des ‚Anderen’ lässt sich eine Kultur überhaupt verteidigen. Der ‚Kulturrassismus’ ist damit in jeder Kultur angelegt und aktualisiert sich, sobald sie sich bedroht sieht (...)