TÜRKEI: Aleviten - eine unterdrückte Minderheit

Heidenheimer Neue Presse 30 Dezember 2007
VON GERD HÖHLER

700 000 Aleviten leben unter uns. Ihre Empfindlichkeit nach dem "Tatort"-Krimi kann man verstehen, wenn man weiß, wie sie in der Türkei behandelt werden.

Jedes Jahr im Juli versammeln sich Aleviten im osttürkischen Sivas. Sie gedenken eines schwarzen Tages ihrer Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder in Deutschland gegen einen "Tatort"-Krimi protestieren, durch den sie sich der Inzucht beschuldigt fühlen. Am 2. Juli 1993 fand in Sivas ein alevitisches Kulturfestival statt. Ein Teilnehmer, obwohl kein Alevit, war der Dichter Aziz Nesin, der als Übersetzer von Salman Rushdies Satanische Verse Hass auf sich zog.

Nach dem Freitagsgebet zogen 15 000 Fanatiker zum Hotel Madimak, in dem Nesin und andere Teilnehmer des Festivals logierten. Die Menge skandierte Flüche, Brandsätze flogen, schnell stand das Hotel in Flammen. Polizei und Feuerwehr griffen zunächst nicht ein. Nesin überlebte, aber 37 Menschen starben in den Flammen.

Für die Aleviten, etwa 15 Prozent der Türken, war das ein Schock. Die Wellen schlugen bis nach Deutschland, wo 700 000 Aleviten leben. Sivas war weder das erste noch das einzige Pogrom. Die Osmanen verweigerten ihnen die Anerkennung ihrer Religion. Die Gründung der Republik 1923 und die Reformen Kemal Atatürks, der die Religion zurückzudrängen versuchte, empfanden die Aleviten befreiend. Mehr Druck unter Erdogan Doch die Hoffnung, dass in der Republik die Unterdrückung ein Ende habe, erfüllte sich nicht.

Denn ein Großteil der Aleviten sind Kurden. Nach dem Militärputsch 1980 brachen für sie schwere Zeiten an: Die Generäle setzten alles daran, sie zu assimilieren. Sie ließen in ihren Dörfern sunnitische Moscheen bauen und machten sunnitischen Religionsunterricht zur Pflicht. Ungeachtet aller Anfeindungen haben die Aleviten ihre Identität bewahrt.

Unter dem islamisch-konservativen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan sei der Druck gewachsen, sagen sie. Sie vergessen nicht, dass er einst der islamistischen Wohlfahrtspartei angehörte und als Istanbuler Bürgermeister ein alevitisches Gemeindehaus abreißen ließ. Heute gibt es in der Türkei eine alevitische Mittelschicht aus Ärzten, Unternehmern, Wissenschaftlern und Künstlern.

Ihren Glauben betrachten sie als fortschrittliche Ausprägung des Islam, als das "liberale Gesicht" des Islam, andere nennen sie "die Protestanten" unter den Muslimen. Das islamische Scharia-Recht erkennen sie nicht an, auch nicht die täglichen Pflichtgebete und das Pilgern nach Mekka. Den Koran lesen sie nicht wörtlich, sondern interpretieren ihn spirituell. Den Sunniten gelten sie als Ketzer. Die Türkei verweigert ihnen die Anerkennung als Religion. Unter den 100 000 Beamten der Religionsbehörde Diyanet ist kein Alevit.

Ca. 20.000 Aleviten demonstrieren vor Kölner Dom gegen "Tatort"-Krimi

Die aktuelle Lage der Aleviten in der Türkei

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Comments

Mustafa Doymus   01/03/2008 - 14:55

Zahl der Aleviten in der Türkei

Ergänzung:
Insgesamt gibt es in der Türkei ca. 25 Millionen Aleviten.

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