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Unter Wölfen: Ein Pastor in der Türkei
Tagesspiegel 11 Januar 2008
Seit April 2007 lebt Wolfgang Häde, Pastor in der Türkei, mit Polizeischutz. Damals wurden in Malatya vier Christen bestialisch ermordet – er sollte der Nächste sein. Mittags gehen der Pastor von Izmit und sein Leibwächter gerne in eine Garküche. Über Fleischbällchen und Gemüse spricht Wolfgang Häde ein kurzes Gebet, mit Rücksicht auf seinen Tischgenossen auf Türkisch.
Seit acht Monaten leben der Protestant und der Polizist so zusammen. Seit im April in Malatya drei protestantische Christen ermordet wurden und sich herausstellte, dass Wolfgang Häde, 49 Jahre alt, das nächste Opfer sein sollte. Seitdem wird er vom türkischen Staat geschützt – vor allem, solange die Mörder noch vor Gericht stehen. Am Montag ist der zweite Verhandlungstag.
Der Rückweg zur Kirche führt Häde und seinen Hirten durch die engen Gassen des Cukurbag-Stadtviertels, wo Händler auf Karren Fische und fettiges Gebäck feilbieten. In einem Laden für Mekkapilgerbedarf kopiert der Pastor manchmal Unterlagen für den Bibelunterricht. Aus einem Friseurladen tritt der Barbier heraus, um die beiden Männer mit Handschlag zu begrüßen.
Der Barbier ist ein guter Nachbar. Aber nicht alle hier gehen so entspannt mit dem Pastor und seiner protestantischen Kirche um, der einzigen in der 200 000-Einwohner-Stadt am Marmara-Meer. Vor dem Fenster des zweistöckigen Gemeindehäuschens ist ein Drahtgitter gespannt, es soll vor Molotowcocktails schützen. „Izmit Protestan Kilise“ – Protestantische Kirche Izmit – steht über dem Eingang. Seit den Morden von Malatya hängt dort auch eine Kamera.
Es ist ein Dilemma, das sagt auch Pastor Häde. Seit dem Massaker von Malatya ist seine winzige Gemeinde geschrumpft. Von den 20 bis 30 Leuten, die sich vorher regelmäßig zum sonntäglichen Gottesdienst einfanden, zur Gebetsstunde am Freitag oder zum Bibelkreis am Mittwoch, sind etliche weggeblieben. Für neue Interessenten ist die Hemmschwelle noch höher geworden. Ob sie sich mehr vor ultranationalistischen Mörderbanden fürchten, vor den Nachbarn oder vor dem Staat, das ist schwer zu sagen. Vom traumatischen Zerfall des Osmanischen Reiches ist in weiten Teilen der türkischen Gesellschaft bis heute die Vorstellung geblieben, dass es sich bei den Christen um die Agenten eines feindlichen Auslands handele, die die Türkei zerstören wollen. (...)
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