Feldforschung in der Banlieue

NZZ - Neue Zürcher Zeitung 9 Mai 2012
Von Marc Zitzmann

Ein Gespräch mit dem Pariser Soziologen, Politologen und Islam-Spezialisten Gilles Kepel Für seine beiden Bücher hat Gilles Kepel die Pariser Banlieues fundiert erforscht

Der französische Islam-Spezialist Gilles Kepel hat jüngst zwei Bücher über Pariser Banlieues veröffentlicht. Mit Marc Zitzmann sprach er über diese sowie über die Terrorakte in Montauban und Toulouse.

NZZ - Neue Zürcher Zeitung: Unlängst erschoss der Franko-Algerier Mohamed Merah in Montauban und Toulouse sieben Menschen. Hat die französische Terrorabwehr versagt?

Die französischen Sicherheitsdienste haben hervorragende Arbeit geleistet. Wir hatten hierzulande seit den Attentaten von Khaled Kelkal – auch er ein Franko-Algerier – 1995 keine islamistischen Terrorakte mehr. Aber so gut diese Dienste darin sind, Netzwerke zu infiltrieren und Gruppen auszuheben, so schwer fällt es ihnen, künftige Einzeltäter rechtzeitig zu identifizieren.

Was war bei Merah anders?

Merah verkörperte den Typus des neuen Jihadisten, wie ihn der Syrer Mustafa Setmariam Nasar alias Abu Musab as-Suri 2004 in seinem «Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand» theoretisiert hat. Er hing von keiner übergeordneten Struktur ab, sondern war autonom. Er erschoss sowohl «Verräter» aus dem eigenen Lager (drei muslimische – oder in seinen Augen so «aussehende» – französische Soldaten, die in Afghanistan gedient hatten) als auch jüdische «Gegner». Jede dieser «Exekutionen» filmte er mit einer Mikrokamera, um sie ins Netz zu stellen, auf dass sie Nachahmer finde. Merah ist ein Kind des Web 2.0. Dieses fördert eine gewisse Schizophrenie. Seine Konsumenten können durchaus Nachtklubs frequentieren, mit Mädchen flirten und einen Irokesenschnitt tragen, wie zeitweilig Merah, und sich nächtelang Kaida-Videos von Enthauptungen anschauen.

Können Sie das Profil des Mörders umschreiben?

Merah weist einen für junge Männer mit Migrationshintergrund in Problem-Vorstädten nicht untypischen Lebensweg auf. Seine Eltern trennten sich, als er fünf Jahre alt war. Die Mutter hatte Mühe, ihre fünf Kinder zu erziehen. Als Jugendlicher schwänzt Merah oft die Schule, wird fünfzehnmal wegen diverser Delikte, zum Teil mit Gewaltanwendung, verurteilt. Nach seiner Volljährigkeit führt ein Entreissdiebstahl dazu, dass seine im Jugendalter angehäuften bedingten Haftstrafen in eine zweijährige Gefängnishaft verwandelt werden. Er verliert seine Stelle als Karossier und versucht sich zu erhängen. Merah ist ein Produkt des fortgeschrittenen Auflösungsprozesses der Gesellschaft in den Problem-Banlieues, gekreuzt mit dem neuen Modus Operandi der Jihadisten.

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