"Hätten Sie Osama bin Laden erklärt, er missbrauche den Islam?"

CitizenTimes 23 Mai 2012

Politikwissenschaftler Dr. Thomas Tartsch stellt sich den Fragen von Michaela Thanheuser (Teil II)

Islam, Islamismus, Gegengesellschaft?

Derzeit verteilen gewaltbereite Salafiten deutschlandweit an Wochenenden den Koran. Werden sie dabei gestört, scheuen sie nicht zurück, auch Polizisten lebensgefährlich anzugreifen. Sicherheitskreise und Politik äußern Besorgnis und Unverständnis.

Wer sich jedoch mit der historischen Verbreitung des Islams beschäftigt, weiß, dass die derzeitigen Entwicklungen ganz normal sind. Sie stellen den Übergang von der (weitestgehend friedlichen) Bekehrung (Da’wa) zum gewaltsamen Jihad, der Verbreitung des Islams mit allen Mitteln dar. Im Citizen Times Interview erklärt der Politikwissenschaftler Dr. Thomas Tartsch warum diese Fundamentalisten ebenfalls "echte" Muslime sind, wieso die Trennung zwischen Islam und Islamismus nicht gewinnbringend ist und wieso gerade Muslime in Parallelgesellschaften leben (siehe auch der erste Teil des Interviews).

Citizen Times: Herr Tartsch, womit können Muslime denn den vielbesagten Jihad überhaupt legitimieren?

Thomas Tartsch: Insgesamt gesehen legitimieren sich die Veröffentlichungen des Jihadismus zu gut 90 Prozent durch die Zitierung einschlägiger Suren und Verse des Korans. Hinzu kommen die sich mit dem Jihad befassenden Ahadith der Sunna und Texte von den ’Ulama wie den Hanabli Reformer Ibn Taimiya, den etwa Abdullah Yusuf ’Azzam ausführlich in seiner Verteidigung der islamischen Länder als höchste persönliche Pflicht zitiert hat, um den Jihad in Afghanistan gegen die sowjetischen Truppen als fard al-ayn (individuelle und nicht delegierbare Pflicht für jeden Muslim islamisches Land durch den Jihad zu verteidigen oder zurückzuerobern) zu propagieren, womit global mugahidin (die den Jihad ausüben) angeworben wurden. ’Azzam war einer der geistigen Wegbereiter für al-qa’ida und dessen global ausgerichteten Jihad, der als Verteidigugnsjihad propagiert wird. Und das ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie der Jihadismus nicht die Religion missbraucht, sondern das ausübt, was in den sogenannten Heiligen Quellen und in anderen Werken wie den Rechtsbüchern angemahnt  und ausführlich beschrieben wird.

Citizen Times: Was meinen wir tatsächlich, wenn wir von "Islam" sprechen? Welche Rolle spielt er im privaten Leben des Gläubigen, wie auch auf staatlicher Ebene?

Thomas Tartsch: Wenn wir "von dem Islam" oder "der Islam" sprechen, meinen wir damit in globaler Perspektive eine Ausprägung der Religion durch eine vorher nicht gekannte Islamisierung bestehender und eroberter Gebiete bis ins 10 Jahrhundert, die auch heute noch propagiert wird und quantitativ die vorherrschende Religionsauslegung darstellt. Damit wird nicht nur das Leben des einzelnen Gläubigen, sondern auch der Staat total erfasst, womit es nicht um die persönliche spirituelle Erfahrung des einzelnen Gläubigen geht, sondern um einem aus dem Ritenvollzug sich ergebenden Regelanspruch, der nach shari’atischem Recht Din und Daula, Ritenausübung und weltlichen Staat umfasst. Die Umma wird nach traditioneller islamischer Vorstellung durch das von Allah den Menschen auferlegte Gesetz (Shari’a) errichtet und aufrechterhalten, welches diesen in Form von Koran und Sunna  übergeben wurde. Damit besteht die einzige Daseinsberechtigung des islamischen Gemeinwesens in der Gewährleistung der Erfüllung der Ge- und Verbote als Annäherung an die medinensische Ur-Umma, wozu auch die Ausübung des Jihad zählt, was man nicht oft genug wiederholen kann.

Citizen Times: Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass sich die meisten Muslime unabhängi von ihrer Nationalität vor allem als Muslim fühlen. Warum führt dies zu solch starker Abschottung von der westlichen Gesellschaft?

Thomas Tartsch: Durch die Sakralisierung aller Lebensbereiche, die persönliche, soziale und politische Sphäre zu einer Monokratie nach dem Vorbild der Ur-Umma verklammern soll, wird im Inneren ein archaisch-paternalistisches Kontroll- und Ordnungssystem mittels vormoderner Glaubenssätze konserviert, welches in der Diaspora vermehrt zur sozialen Identitätsbildung und Bindung an tribale Vergemeinschaftungsformen führt, die die Bildung paralleler Strukturen neben und gegen die Aufnahmegesellschaft nach außen vorantreibt, was man auch als eine Form des Jihad charakterisieren kann. Solange sich diese Ausprägung nicht der rational-historisierenden Deutung bezüglich des Handelns des Propheten öffnet und elementare Stellen der Überlieferungen im Koran und Sunna, die zum gewaltsamen Jihad aufrufen, für eine Privatisierung, Rationalisierung und Individualisierung außer Kraft gesetzt werden, wird sie auch nicht zu integrieren sein. Denn nach dieser Ausprägung muss der Jihad gegen das Dar al-Harb (Haus des Krieges) bis zur endgültigen Einverleibung in das Dar al-Islam (Haus des Islam)  oder bis zum jüngsten Tag ausgeübt werden.

Citizen Times: Und warum entwickeln sich diese islamischen Parallel- oder Gegengesellschaften wie Ghettos bzw. nur in bestimmten Stadtteilen europäischer und deutscher Städte?

Thomas Tartsch: Am besten kann man das vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung am Beispiel einzelner Stadtteile verdeutlichen. Während es in den letzten Jahrzehnten zu einer sektoralen sozialen Segregation kam, da der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit führte, kann man heute die Weiterentwicklung einzelner Stadtteile hin zu einer mehrkernigen ethnisch-religiösen Segregation beobachten, die sich immer mehr zu Vierteln der klassischen orientalischen Stadt entwickeln, wo Stadtteile nach ethnischen, religiösen Merkmalen und tribalen Verbindungen getrennt sind.

Hier gilt vermehrt der Grundsatz "al-wala’ wal-bara’a." Gemeint ist damit, sich von allen Nichtmuslimen fernzuhalten und die Nähe von Muslimen zu suchen und diese im Notfall gegen Nichtmuslime zu unterstützen. Schon heute zeigt die Alltagsrealität in Stadtteilen wie Duisburg-Marxloh oder Städten wie Bergkamen die Zukunft von immer mehr urbanen Gegenden, wo archaisch-patriachalische und rigide religiöse Verhaltensweisen und normative Erwartungshaltungen den öffentlichen Raum dominieren. Und die Zahl dieser islamischen Submilieus mit eigener Werte- und Rechtsordnung wird in Zukunft stetig anwachsen, was langfristig das soziale Gefüge in Deutschland erodieren wird. Und das nicht nur, weil der Staat hier sein Monopol der legitimen physischen Gewaltsamkeit (Max Weber) kampflos aufgibt, womit rechtsfreie Räume entstehen.

Citizen Times: Wo liegen die Wurzeln und Vorbilder der starken Gemeinschaft der Muslime?

Thomas Tartsch: Vorbild bleiben die Taten des Propheten seit der Hidschra 622 n.Chr. mit der sich nicht nur in der medinensischen Stärkephase die islamische Religion ausgebildet hat, sondern eine neuartige Glaubens- und Kampfgemeinschaft etablierte. Diese neuartige Vergemeinschaftungsform ersetzte die bisherigen tribalen und verwandtschaftlichen Loyalitäten durch den unbedingten Glauben und Einsatz an und für Allah, womit Rechten und Pflichten durch die Angehörigkeit zur sozialen Kategorie Muslim-Sein determiniert wurden.

Der Jihad selbst entwickelte sich aus den damals üblichen Raub- und Beutezügen der vorislamischen Beduinenstämmen seit 623 n.Chr., die neben der Zahlung der Zakah der materiellen Versorgung der Gemeinschaft diente. Erst mit dem überraschenden Sieg der sich aus einem Karawanenüberfall entwickelnden Schlacht bei Badr 624 n.Chr., wo die Muslime den Mekkanern zahlenmäßig ca. 1:3 unterlegen waren, erhielt der Jihad als imperial-expansives Mittel der Ausbreitung islamischen Rechts und islamischen Herrschaftsgebietes seine ersten Konturen, deren Kampfdoktrinen durch die islamische Jurisprudenz ausgearbeitet wurden. Seinen Niederschlag fanden diese Ereignisse bei Badr in der 8. Sure, die wie der größte Teil des Korans eine Reflexion zu damaligen Ereignissen darstellt, womit man den Koran als historisches Dokument aus sich selbst heraus interpretieren muss, wobei es unerlässlich ist, auch andere Werke wie die Prophetenbiographie hinzuzuziehen. Heute pendelt das Bild des Propheten zwischen den Polen Vergöttlichung und Verdammung, was beides die Romantik der Gefühle anspricht, uns aber nicht weiterhilft, will man die Religion für eine Modernisierung öffnen, was die Muslime selbst vollziehen müssen.

Citizen Times: Wie könnte denn eine solche gesellschaftliche, wirtschaftliche und (sozial-)politische Modernisierung des Islams aussehen?

Thomas Tartsch: Würde eine Reformierung erfolgen, müsste man sich fragen, ob es dann überhaupt noch "der Islam" wäre. Oder etwas ganz anderes, was ja auch für einen wie immer gearteten "Euro Islam" gelten würde, da dieser nicht einfach durch eine Aufsplittung der Shari’a in den Bereich der Ritenausübung (al-’ibadat) und den Bereich der Rechtsbeziehungen (al-mu’amalat) entstehen würde, was schon Atatürk versucht hat durchzusetzen. Derzeit sollte man darauf keine großen Hoffnungen setzen, da keine Anzeichen für eine aus dem Inneren kommende Reformierung zu erkennen sind, die eine breite Massenwirkung erzielen könnte. Und das nicht nur wegen der nicht gegebenen Existenz einer übergeordneten religiösen Autorität, die für Sunniten und Schiiten sprechen könnte. Von den vielfältigen anderen islamischen Ausprägungen ganz zu schweigen, die oft von anderen Strömungen nicht anerkannt werden. Auch diese Frage mit ihren weitreichenden Folgen wird in Deutschland fast nicht thematisiert.

Citizen Times: Schon in Ihrer Dissertation haben Sie die westliche Dichotomie Islam-Islamismus als irreführend herausgearbeitet. Warum ist das so?

Thomas Tartsch: Man muss grundlegend Eines klarstellen: Die westliche Dichotomie, einen Islam und einen die Religion missbrauchenden Islamismus zu unterscheiden, bringt keinen Erkenntnisgewinn, um daraus Handlungsmaximen ableiten zu können. Es ist vielmehr eine westliche Projektion aus Unkenntnis, da schon das Wort "Fundamentalismus" keine Entsprechung im Arabischen besitzt, womit man sich mit Lehnübersetzungen behilft, um überhaupt eine Definition an der Hand zu haben, da vielfältige Ausprägungen der Religion existieren, die sich im Innenverhältnis durch eine ausgeprägte Binnendifferenzierung auszeichnet.

Ich nenne das den "Apfel-Birnenkuchen Schwindel", da man den Menschen zwei Apfelkuchen mit der Aufschrift "Islam" und "Islamismus" präsentiert, wobei der Islamismus Apfelkuchen als Birnenkuchen deklariert wird, da etwa der gewaltsame Jihadismus nichts mit der Religion zu tun habe soll, was der Unwahrheit entspricht. Vielmehr gibt es nur einen großen Apfelkuchen, dessen einzelne Stücke islamische Ausprägungen darstellen. Sie hätten mal versuchen müssen, Usama Ibn Ladin zu erklären, er wäre ein die Religion missbrauchender Islamist. Er würde Ihnen wohl seine Kalaschnikow an die Schläfe setzen, da auch er ein gläubiger Muslim ist, der einer bestimmten Auslegung der heiligen Quellen folgt, die man bis ins 7. Jahrhundert zurückverfolgen kann.

Das muss man anerkennen, wenn man Ursachenforschung über den Zusammenhang zwischen der Religion und religiös-rechtlich legitimierter Gewalt betreiben will. Auch in einem Dialog, der seinen Namen verdient, muss erst das Trennende benannt werden, um dann einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, auf dem aufgebaut werden kann. Schon Platon hat sich hierzu treffend geäußert: "Also muss jemand, der einen anderen täuschen will, ohne dabei selbst getäuscht zu werden, die Ähnlichkeit der Dinge und ihre Unähnlichkeiten genau auseinanderhalten” .

Citizen Times: Also müssten wir das von Politikern, Wissenschaftlern und Meinungsbildnern so gerne und viel zitierte Schlagwort Islamismus aus unserem Wortschatz streichen?

Thomas Tartsch: Ich würde eher sagen, ich beende eine sinnlose Diskussion bezüglich der Trennung in Islamismus und Islam. Islamismus besitzt als nichtwissenschaftlicher Begriff nur zwei Funktionen. Zum einen stellt er einen Arbeitsbegriff zur Aufgabenerfüllung der Sicherheitsbehörden des administrativen Verfassungsschutzes dar, die zwischen "militanten" und "taktischen" Islamismus unterscheiden. Und er kann als Abgrenzungsbegriff innerhalb der neueren islamischen Historie dienen, als Atatürk 1924 fast genau 1.300 Jahre nach Badr neben dem Sultanat auch das Kalifat abschaffte, was trotz der realen Bedeutungslosigkeit zu einem Identitätsverlust in der islamischen Welt und zu Gründungen von Reformbewegungen wie der ägyptischen Muslimbruderschaft führte.

Die Bruderschaft propagiert auch heute noch die globale Errichtung einer islamischen Ordnung, wozu sie durch eine "Islamisierung von unten" wie in Ägypten die Beteiligung an der politischen Macht anstrebt, um eine "Islamisierung von oben" durchzuführen. Auf der anderen Seite will sie durch Infiltration sozialer Netzwerke und Kontrolle über Moscheen islamische Submilieus innerhalb von westlichen Gesellschaften installieren. Diese Strategie wird auch von dem Mitte Januar 2010 gewählten achten "al-murshid al-’amm" (obersten Führer) der Muslimbruderschaft Dr. Muhammad Badie (geb. 1943) weitergeführt werden, der sich offen für die Orientierung der MB an den "konservativen Idealen" von Sayyid Qutb ausgesprochen hat. Nicht verwunderlich, da Dr. Badie zu der Generation gehört, die durch die Verfolgung der Muslimbrüder durch das Regime von Gamal ?Abd an-Na?ir geprägt wurden und für die Qutb schon durch seine Hinrichtung  1966 einen Märtyrerstatus besitzt. Ebenso hat die palästinensische Hamas ihre Unterstützung für Dr. Badie erklärt, wobei die beiden Organisationen durch ein Fundraising-Network verwoben sind, durch das der karitative und der jihadistische Arm der Hamas finanziert wird.

Ab dem arabischen Aufstand von 1936-1939 (und nicht erst seit 1948) fand dann etwa auch der eliminatorische Judenhass, der den religiösen Antagonismus ideologisch auflud, weite Verbreitung in islamischen Kreisen, der Schnittmengen mit Hitlers rechten und linken Erben in Form des klassischen biologistischen Antisemitismus und dem politisch motivierten Antizionismus besitzt, da abseits aller akademischer Wortklauberei im Elfenbeinturm alle drei Ausprägungen die Auslöschung Israels befürworten und anstreben. Schon durch den als "Großmufti von Jerusalem" bekannten Mu?ammad Amin al-?usaini, der unter anderem für die 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS "Handschar" (kroatische Nr. 1) muslimische Freiwillige rekrutierte, ergab sich eine Zusammenarbeit zwischen Nationalsozialismus und eliminatorischen Judenhass, da al-?usaini nach einem Sieg des Nationalsozialismus die Shoah in Palästina durchführen wollte, was viele nicht wissen. Wie die muslimischen Hassdemonstrationen Anfang 2009 gegen die Militäroperation der Zahal gegen die Hamas gezeigt haben, breitet sich dieser eliminatorische Judenhass auch in Deutschland immer mehr in der islamischen Teilgesellschaft aus, was in Israel sehr genau beobachtet wird.

Langer Rede, kurzer Sinn: Man sollte den Begriff "Islamismus" nur in diesen zwei Fällen verwenden und ihn ansonsten vermeiden, da er etwas konstruiert, was in der Realität nicht existiert.

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