Türkei: Fortpflanzung ist eine Waffe. Und eine Mutter ist bloß ein Gefäß.

DiePresse 15 Juni 2012
Von SIBYLLE HAMANN

Die Türkei will das Abtreibungsrecht verschärfen. Regierungschef Erdogan spricht sogar offen aus, worum es dabei eigentlich geht: um Nation und Ökonomie, um Macht und Kontrolle.

Recep Tayyip Erdogan ist ein Mann von 58 Jahren. Gemeinsam mit seiner Ehefrau hat er vier Kinder großgezogen, zwei Töchter, zwei Söhne. Erdogan hat Wirtschaft studiert. Er war semiprofessioneller Fußballspieler. Außerdem war er jahrelang Bürgermeister von Istanbul.

Mediziner ist Erdogan keiner. Dennoch hat er eine ausgeprägte Meinung zum Thema Kaiserschnitt. Er lehnt ihn ab, weil dieser Eingriff eine Narbe auf der Gebärmutter zurücklässt. Und obwohl er selbst kein derartiges Organ hat, hätte er die Gebärmütter anderer Menschen lieber unvernarbt.

Frauen mit Gebärmutternarben scheuen manchmal nämlich davor zurück, allzu viele weitere Geburten zu haben. Kaiserschnitte, so Erdogans Logik, führen dazu, dass Türkinnen höchstens zwei Kinder kriegen – und zwei seien zu wenig, weil es dann insgesamt zu wenig Türken und Türkinnen gibt. Aus demselben Grund will er bis Ende des Monats auch das Recht auf Abtreibung einschränken. (...)