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Ein Mann aus Stahl
QuotenQueen 3 Juli 2012
Von Ehud Olmert
Ein Nachruf von Ehud Olmert zum Tod des ehemaligen Ministerpräsidenten und Mitgründer des Staates Israel Yitzhak Shamir, der im Alter von 96 Jahren verstorben ist
Das Telefon klingelte bei mir zuhause um ungefähr 1 Uhr am frühen Sonntagmorgen. Ministerpräsident Yitzhak Shamir war in der Leitung und er war aufgebracht. "Hast Du die Nachrichten gesehen?", fragte er mich. Einige Minuten zuvor hatte ein Fernsehjournalist einen älteren jüdischen Mann in Istanbul interviewt – nur Stunden nachdem vier mit Bomben beladene Lastwagen in zwei Synagogen gerammt wurden, wodurch fast 30 Menschen starben. Die Bilder waren schockierend.
Hinter dem jüdischen Mann, dessen Schultern bebten, konnte man Blutlachen sehen – das Blut von Juden, die kurz zuvor ermordet worden waren. Die Straße war noch nicht gereinigt. Der Reporter fragte den jüdischen Mann, der in einen Tallit (Gebetsschal) gehüllt war, ob er Angst habe. Der Mann antwortete: "Nein, ich habe keine Angst." Der Reporter fragte daraufhin: "Wie kommt es, dass sie keine Angst haben?" Der jüdische Mann antwortete: "Weil es den Staat Israel gibt."
Shamir, der deutlich aufgewühlt war, sagte mir, dass sein Vater, als ihm in Polen gesagt wurde, dass die Vernichtung aller Juden – ihn eingeschlossen – unmittelbar bevorstand, antwortete: "Ich habe einen Sohn im Land Israel und er wird für mich Rache an ihnen nehmen."
Dieses kurze Gespräch brachte Shamirs Sicht auf sein Leben und seinem Auftrag, dem er sich auf allen Abschnitten seines turbulenten Lebens verpflichtet fühlte, auf den Punkt – von den Tagen bei "Lechi" (Shamir war einer der militanten zionistischen Anführer der Gruppe), zum Gefangenenlager in Afrika, aus dem er kurz vor der Staatsgründung fliehen konnte, bis zu seinen Tagen als Kämpfer und Kommandeur des Mossad und später als Ministerpräsident Israels. (…)
Als Ministerpräsident war Shamir unnachgiebig. Er lehnte Roni Milos Vorschlag ab, sich aus dem Gazastreifen vor den Wahlen 1992 zurückzuziehen, obwohl das seiner Partei zu mehr Stimmen hätte verhelfen können. (…)
Shamir betrachtete die Einwanderung der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion als Wendepunkt, der über die Zukunft des Staates Israel entscheiden würde und er war immer begeistert, die Gruppen von Neueinwanderern am Flughafen zu begrüßen. "Vergiss nicht, diese Aliyah (Einwanderungswelle) ist ein großes Wunder", sagte er mir. (…)
In ihren Nachrufen werden die Menschen nicht sagen, dass Shamir ein charismatischer Anführer gewesen sei, der die Nation begeistern konnte, aber die Zähe und Selbstkontrolle, die er in Zeiten demonstrierte, in denen andere Ministerpräsidenten panisch wurden, hat mich immer begeistert.
Er war aus Stahl gemacht, entschlossen und entschieden, bescheiden aber stolz auf sein jüdisches Erbe und vor allem vollkommen seinem Auftrag verpflichtet, den er von seinem Vater erhalten hatte, der mit der Gewissheit starb, dass sein Sohn Yitzhak Shamir (Jeziernicky) das jüdische Volk niemals das gleiche Schicksal erleiden lassen würde wie seine Eltern und viele seiner Verwandten.
Der Autor Ehud Olmert ist ehemaliger Ministerpräsident des Staates Israel.
(Quelle: ynet, 01.07.2012)



