Beschneidungsdebatte: Auch die Seele leidet

FAZ - Frankfurter Allgemeine Zeitung 23 Juli 2012
Von Sonja Süß und Philip Eppelsheim

In den Leitlinien der Gesellschaft für Kinderchirurgie heißt es, Beschneidungen seien mit einer "signifikanten Komplikationsrate behaftet". Die Nachblutungsrate wird auf bis zu 6 Prozent beziffert. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, sagt:

"Wir Kinder- und Jugendärzte sehen immer wieder Komplikationen nach Beschneidungen, die mit erheblichen Schmerzen einhergehen, da die Genitalorgane außerordentlich schmerzempfindlich sind. Das gilt auch für Neugeborene in den ersten Lebenswochen."

Die Wunde könne sich entzünden, gelegentlich müsse nachoperiert werden. "Solche Komplikationen treten nach etwa zehn Prozent der Beschneidungen auf - auch wenn der Eingriff sachgerecht war." Auch im Fall des vierjährigen Jungen aus Köln befand das Landgericht in seinem umstrittenen Urteil, der Eingriff sei medizinisch "einwandfrei" gewesen. Das Kind kam wegen Nachblutungen in die Notaufnahme und musste während der Behandlung mehrfach in Narkose versetzt werden.
Ein Trauma, mit oder ohne Narkose

Matthias Franz, Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Düsseldorf, sagt, dass es bei Beschneidungen "nicht selten zu schwerwiegenden genitalen Verletzungen mit seelischen und sexuellen Langzeitproblemen" komme: "In einem Aufklärungsbogen vor dem Eingriff wird eine Fülle medizinischer Risiken genannt, bis hin zu irreversiblen Beschädigungen des Penis." Manche Patienten hätten "die halbe Eichel nach der Beschneidung verloren, wieder andere haben eine schwere Narbenbildung". (...)