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„Die Jungs laufen einem falschen Männlichkeitsideal hinterher"
WELT ONLINE 22 Januar 2008
Von Eva Eusterhus
Ein Anti-Gewalt-Trainer erklärt, wie es zur Gewalt kommt und wie den Straftätern beizukommen ist. Mut-Macher: Anti-Gewalt-Trainer Wilfried Wilkens vom Verein Jugend hilft Jugend.
WELT ONLINE: Was sollen die jungen Erwachsenen lernen?
Wilfried Wilkens: Ziel ist, dass die jungen Menschen Verantwortung für das übernehmen, was sie anderen angetan haben. Sie sollen lernen, mit ihrer Aggression anders umzugehen. Sie sollen lernen, brenzlige Situationen rechtzeitig zu erkennen und aus dem Weg zu gehen.
WELT ONLINE: Mit was für Jugendlichen arbeiten Sie zusammen?
Wilfried Wilkens: Wir arbeiten mit jungen Männern zusammen, die schwere Gewalttaten begangen haben. In ihrer Lebenswelt, vor allem in den Familien und Stadtteilen, erleben und erfahren sie Gewalt. Sie lernen Gewalt relativ schnell als erfolgreiches Handlungsmodell. Die Jungs leiden oft unter einem sehr negativen Selbstbild, haben Probleme sich mitzuteilen, über ihre Wünsche, Gefühle zu sprechen. Diese Jungs laufen einem falschen Männlichkeitsideal hinterher, das durch Stärke, Macht, Unverletzlichkeit und Omnipotenz geprägt ist. Die daraus hervorgerufene Frustration schlägt um in Wut, Aggressivität und teilweise in Hass.
WELT ONLINE: Worin liegt dieses Verhaltensmuster begründet?
Wilfried Wilkens: Die Jungs wachsen oft mit einer Gleichgültigkeit ihnen gegenüber auf. Gleichgültigkeit ist ein Gegensatz zu Verantwortlichkeit. Je mehr die Gleichgültigkeit sich selbst und anderen gegenüber wächst, umso weniger Verantwortung für sich und andere wird übernommen. Das wiederum drückt sich in destruktivem Verhalten aus.
WELT ONLINE: Sind Männer muslimischen Glaubens anfälliger für Gewaltanwendung?
Wilfried Wilkens: Ich beobachte das schon. Zum einem liegt das daran, dass junge Männer aus Migrantenfamilien einer Vielzahl von negativen Rahmenbedingungen ausgesetzt sind. Vor allem bei jenen Familien, die zwar muslimisch sind, die Religion aber nicht gelebt wird, scheinen sie orientierungslos. Sie sind nicht anfälliger für Gewaltanwendung, sondern sie sind auffälliger bei der Gewaltanwendung. Sie sind viel eher bereit, Waffen im Konfliktfall einzusetzen. Dies hat damit zu tun, dass in den Herkunftsländern der Eltern die körperliche Unversehrtheit ein nicht so hohes Gut darstellt, wie es bei uns der Fall ist. Zuhause erfahren sie oft Prügelstrafe. In muslimischen Familien hingegen, in denen der Koran eine Richtlinie darstellt, wird auf Gewalt verzichtet.
WELT ONLINE: Warum ist es so schwer, den Straftätern beizukommen?
Wilfried Wilkens: Sanktionen kennen sie. Sie haben sich ihnen angepasst. Wir stellen in den Trainings fest, dass sie nicht gewohnt sind, respektvoll behandelt zu werden. Zuwendung zu bekommen, gelobt zu werden – das alles kennen sie nicht. Bei uns erleben sie oft zum ersten Mal, was es bedeutet, zu diskutieren.
WELT ONLINE: Wie könnte verhindert werden, dass die Jugendlichen gar nicht erst straftätig werden?
Wilfried Wilkens: Grundsätzlich spielt die deutsche Sprache eine große Rolle. Die Jugendlichen brauchen Aufmerksamkeit, aber auch klare Grenzen. Hier sind die (...)
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