Rechtsextremismus-Studie "Die Mitte im Umbruch” der Friedrich Ebert Stiftung strotzt von eklatanten methodischen Mängeln

Citizen Times 14 November 2012
Von Felix Strüning

Antifaschistische Nachbarschaftshilfe

Verschwendung von Steuermitteln

Als vor ziemlich genau zwei Jahren die letzte Version der Rechtsextremismus-Studien der SPD-nahen Friedrich Ebert Stiftung (FES) veröffentlicht wurde (Die Mitte in der Krise), konnte ich diese in meinem Kommentar für Citizen Times nur als tendenziös, suggestiv und diffus beurteilen. Nun haben die Forscher das vierte Update ihrer "Mitte-Studien" vorgelegt: Die Mitte im Umbruch. Und wieder strotzt das Machwerk nur so von eklatanten methodischen Mängeln, dass es einen wundert, warum die Stiftungsleitung mit unseren Steuergeldern so "großzügig" umgeht.

Im Folgenden werde ich die wichtigsten der methodischen Mängel aufzeigen, erspare mir jedoch die inhaltliche Diskussion bzw. Thematisierung der mehr als fragwürdigen theoretischen Konstrukte weitestgehend.


Verständlichkeit der Fragen und Antwortmöglichkeiten

Was in anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie z.B. der Psychologie vollkommen üblich ist, das Vortesten der Fragebögen auf Verständlichkeit etc., unterbleibt bei den meisten sozialwissenschaftlichen Studien leider vollständig.

Auch die aktuelle Mitte-Studie weist hier Mängel auf. So finden sich für den Fragenkatalog zum Rechtsextremismus keinerlei entsprechende Hinweise auf einen Verständlichkeitstest, die Fragen zum Antisemitismus und zur Islamfeindschaft bzw. Islamkritik wurden zwar jeweils vom Psychologen Roland Imhoff getestet, jedoch an reinen Studentenstichproben oder Stichproben, die sich überwiegend aus Studenten zusammensetzen. Die Forscher der FES scheinen jedoch nicht überprüft zu haben, ob auch eine für die deutsche Bevölkerung repräsentative Stichprobe alle Fragen versteht. Dass aber Menschen mit geringerer Bildung etwa folgende Fragen genauso gut verstehen, wie Menschen mit universitärer Ausbildung, ist mehr als fraglich:

Obwohl einige Frauen freiwillig ein Kopftuch tragen, sollte man nicht übersehen, dass es für einige auch Zwang bedeutet."

Der vom Islam vorgeschriebenen rigiden Geschlechtertrennung sollte – ob im Gesundheitswesen oder Sportunterricht – nicht nachgegeben werden." 1

Die Folge davon ist, dass sich viele Befragte intuitiv auf der fünfstufigen Skala für die Mitte entscheiden. Denn der Unterschied zwischen dem dort angegebenen "teils – teils" und "weiß nicht" ist nicht gerade groß.  Neben diesen ggfs. entstehenden Missverständnissen sind einige Fragen auch noch so gestellt, dass sie eine unentschiedene Antwort geradezu provozieren, da sie (für einen "normal denkenden" Menschen) weder gänzlich zu verneinen noch zu bejahen sind, weil bspw. nicht zwischen verschiedenen Zuwanderergruppen unterschieden wird. Die FES-Autoren deuten die oft sehr hohe Zustimmung zur mittleren, neutralen Antwortkategorie freilich anders: "Wir vermuten hinter diesen Antworten zumindest teilweise eine versteckte bzw. latente Zustimmung zu den vorgelegten Aussagen, die nicht geäußert wird, weil den Probandinnen und Probanden die soziale Unerwünschtheit der betreffenden Aussage [...] bewusst ist." 2 Wenn dem tatsächlich so wäre, könnten die Befragten jedoch genauso gut den gegensätzlichen Antwortmöglichkeiten zustimmen. Eine logische Erklärung für den erhöhten Wert der neutralen Antwort liefert diese Behauptung jedenfalls nicht.

Fehlende statistische Angaben

Auf Seite 27 wird die letztlich erfolgreich befragte Stichprobe (N=2.415) bzgl. ihrer soziodemografischen Merkmale beschrieben: Der Leser erfährt, wie viele Befragte wie alt und welchen Geschlechts waren, welchen Familienstand und welche Berufstätigkeit sie hatten und über welches Haushaltseinkommen verfügt wurde. Auch ob eine Kirchenzugehörigkeit vorlag, wird ausgewiesen und insgesamt alles in West- und Ostdeutsche unterteilt. Doch wenn der Interessierte dann die verschiedenen Befunde auf den nächsten Seiten studiert, findet er zahlreiche Unterteilungen der Stichprobe nach Kriterien, die in der erwähnten Tabelle und auch dem Methodenteil überhaupt nicht aufgeführt werden.

Dies wäre natürlich noch hinnehmbar, wenn in jeder Tabelle die jeweilige Gruppengröße, das berühmte "N=" ausgewiesen wäre. Fehlanzeige. So gibt bspw. Tabelle 3.2.2 (S. 79) an, dass die befragten Muslime dem sogenannten "Primären Antisemitismus" überdurchschnittlich oft zustimmen (16,7%, Durchschnitt: 11,5%). Doch wer sich auch nur einmal mit Statistik beschäftigt hat weiß, dass ohne angegebene Stichprobengröße nicht einmal im Nachhinein auszurechnen ist, ob dieser Unterschied ein echter ist, sprich, ob er über die bei Befragungen nicht zu vermeidende statistische Ungenauigkeit hinaus signifikant wird.

Eigentlich ist es die Pflicht eines gewissenhaften Forschers, den Leser eben mit genau jenen Daten zu versorgen, also nicht nur einfach Prozentwerte aneinander zu reihen, sondern auch gelegentlich ein Wort darüber zu verlieren, ob die festgestellten Unterschiede überhaupt bedeutsam sind. Gänzlich verweigern die FES’ler dies übrigens nicht: Geht es um Islamfeindschaft bzw. Islamkritik bei den Deutschen, werden in der Tabelle (S. 93) natürlich alle Gruppengrößen (West-Ost, Bildung, Geschlecht, Alter) ausgewiesen. Warum also nicht überall?

Übrigens kommt viele, viele Seiten später (S. 102f.) dann plötzlich eine Tabelle, in der auch die gesuchten Gruppengrößen genannt werden. So erfährt der Leser dann doch noch, dass in der Stichprobe der Befragten mit deutscher Staatsbürgerschaft insgesamt nur 46 Muslime waren. 3 Bei einer solch kleinen Gruppe ist es jedoch statistisch sehr schwer, überhaupt belastbare Aussagen zu treffen.

Betonung des Marktschreierischen

Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die Darstellung der Daten in den Diagrammen: Zwar werden alle Balkendiagramme gleich groß abgebildet, die dargestellten Zustimmungswerte sind jedoch sehr unterschiedlich. Soll heißen, mal bedeutet ein diagrammfüllender Balken 5,3 Prozent der Befragten (Grafik 2.4.6, S. 53) und ein anderes Mal 53,9 Prozent (Grafik 2.2.3, S. 34). Beide Balken sind aber für den Betrachter gleich groß, was bei der oberflächlichen Betrachtung dazu führt, dass bspw. die Zustimmung zur "Verharmlosung des Nationalsozialismus" ebenso hoch eingeschätzt wird, wie Ausländerfeindlichkeit.

Natürlich ist eine solche Betonung der Studienergebnisse aus Sicht eines politischen Akteurs verständlich, aus wissenschaftlicher Sicht jedoch mehr als unseriös. So werden etwa in der Pressemitteilung die Befunde zu Migranten mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft gar nicht erwähnt, in der vierseitigen Zusammenfassung – die höchstwahrscheinlich von den meisten Journalisten benutzt wird 4 – immerhin kurz, wenn auch ohne konkrete Zahlen z.B. zum Antisemitismus der Ausländer zu nennen, obwohl dieser höher ausfällt, als bei Deutschen.

Es gibt nur rechten Extremismus?

Letztlich muss doch noch ein inhaltlicher Hinweis zum Gesamtkonzept der Mitte-Studien erfolgen. Die FES-Forscher wehren sich dagegen, die Mitte der Gesellschaft zwischen einem linken und einem rechten Extrem zu verorten, weil sie den Begriff des Linksextremismus gänzlich ablehnen. Ihr Kernargument zielt darauf, dass Rechtsextremisten die Demokratie beseitigen wollten, Sozialisten hingegen den Kapitalismus. Nahezu alle als linksextrem bezeichneten Gruppierungen wären demokratisch orientiert und würden das Grundgesetz akzeptieren.

Solch krude Beweisführung kann jedoch nur in die Irre führen, sind doch Linksextreme weit mehr, als Anti-Kapitalisten, wenn dies auch eines ihrer Hauptargumentationsmuster ist. Denn auch Linksextremisten, übrigens große Teile der Linkspartei-Funktionäre eingeschlossen, sind für die Überwindung der Demokratie und die Einführung eines Sozialismus, demokratischen Sozialismus, einer Anarchie oder wie auch immer die Utopie genannt wird.

Rechtsextremisten seien von einer "radikalen Ungleichheitsvorstellung" motiviert, Linke hingegen von der "Radikalisierung des Egalitätsgedankens", so die Mitte-Studie. Dass dies im Endeffekt beides die Negierung des freien Willens und damit des selbstbestimmten Individuums und damit der Demokratie und des Rechtsstaates bedeutet, fällt den FES-Forschern entweder nicht auf oder es darf in ihrer ideologischen Brille nicht vorkommen. Weiß man jetzt noch, dass Linksextreme in Deutschland in weit größerem Maße als Rechtsextreme bereit sind, Gewalt anzuwenden, wird das ganze Argument zur Farce.

"Anstelle der Dichotomie extremistisch vs. gesellschaftliche Mitte (oder der Konstruktion Links-Mitte-Rechts) operieren wir mit der Dichotomie rechtsextrem/antidemokratisch vs. demokratisch", schreiben die FES-Autoren und zeigen damit klar, dass sie dem selbstgestellten Problem keinesfalls entkommen sind. Denn antidemokratisch sind Sozialisten aller Couleur, ob national (Rasse) oder international (Klasse) spielt dabei keine ausschlaggebende Rolle. Zu fordern, dass die Extremismusklausel, die (auch linke) Empfänger von Steuermitteln zur Rechtsextremismusbekämpfung zur Grundgesetztreue verpflichtet, abgeschafft wird, ist für die FES dann auch ein Eigentor.

Fazit

In Anbetracht dieser zahlreichen methodischen und theoretischen Mängel stellt sich erneut die Frage, wann es in den deutschen bzw. deutschsprachigen Sozialwissenschaften endlich eine Qualitätsinitiative gibt, die Maßstäbe für Studien setzt und die – eigentlich sehr wichtige – Forschung zu Ideologien und Extremismus so gestaltet, dass sie auch Sinn macht. Denn Studien wie die vorliegende der FES sind reine Verschwendung von Steuermitteln.

P.S.: Wer sich wirklich für die gesellschaftliche Mitte interessiert, lese stattdessen Herfried Münklers Buch Mitte und Maß.

Notes:

  1. Fragen 7 und 8 zur Islamthematik, S. 92. ?
  2. S. 28. ?
  3. Hinzu kommen 40 ausländische Muslime, die jedoch außer für die Gegenüberstellung von autochthonen Deutschen, Deutschen mit Migrationshintergrund und Ausländern (Kapitel 3.4) nicht beachtet wurden. Insgesamt waren also 3,4 Prozent der Befragten Muslime, was nicht als repräsentativ für die deutsche Bevölkerung gelten kann (mind. 5,2% Muslime, vgl. die Studie des BMI (2009): Muslimisches Leben in Deutschland). ?
  4. Siehe etwa der Artikel auf Welt Online ?

    Felix Strüning Der Politikwissenschaftler und Journalist leitet Citizen Times, das Magazin für liberale Politik & Werte als Chefredakteur. Außerdem verantwortet er die politische Arbeit der Stresemann Stiftung, die sich für bürgerlich-liberale Werte einsetzt und Akteure berät