Die Hexe war keine

quotenqueen 16 November 2012

Reinfall auf der ganzen Linie: Daniel Kettiger, der Hexenjäger von Bern, konnte seine Anschuldigungen gegen eine evangelische Pfarrerin nicht beweisen

Philipp Gut in der Schweizer WELTWOCHE zur vollständigen Rehabilitierung der von den Medien gehetzten Pfarrerin Christine Dietrich

Es schien, als wohne der Teufel im Berner Seeland.Er war jung, weiblich, blondgezopft und versah – Gipfel der teuflischen List – von Amtes wegen Dienst an Gott. Christine Dietrich, Pfarrerin in der beschaulichen Gemeinde Siselen Finsterhennen, wurde Mitte September vergangenen Jahres zur Zielscheibe einer internationalen Pressekampagne. Sie nehme eine zentrale Position im «Netz der Islamfeinde» ein, hatte zuerst die linke Frankfurter Rundschau gemeldet.

Die Vorwürfe wogen schwer: Von «Volksverhetzung» und «Rassismus» war die Rede – beides Straftatbestände. Die Berliner Zeitung druckte die Anschuldigungen nach, auch das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtete. In der Schweiz sprang als Erster der Tages-Anzeiger aus dem Zürcher Tamedia-Konzern auf den Zug auf. Es entlud sich ein medialer Entrüstungssturm, die Meinungen schienen gemacht.

Bald nannte man Dietrich nur noch «die Islamhasserin». Dabei fiel schon damals auf: Konkrete Zitate, die den angeblich hetzerischen und «islamfeindlichen» Charakter der Äusserungen belegten, brachten die Journalisten nicht bei. Es blieb bei fulminanten Anschuldigungen und (Vor-)Verurteilungen.

Jetzt, gut dreizehn Monate nach dem Beginn der Kampagne, gibt die Justiz endgültig Entwarnung. Das Verfahren gegen Dietrich wegen Rassendiskriminierung sei eingestellt worden, teilte die regionale Staatsanwaltschaft Berner Jura Seeland mit. Der Beschuldigten könnten «keine hetzerischen Äusserungen gegen den Islam oder gar Hasspredigten vorgeworfen werden», hält die Staatsanwaltschaft fest.

In sämtlichen Punkten entlastet

Auch in einem weiteren Punkt wurde das Verfahren eingestellt. Der Kläger, der bekannte Anti-Rassismus-Anwalt Daniel Kettiger («Allahs Kettenhund»), hatte Dietrich beschuldigt, eine führende Position beim Internetforum Politically Incorrect (PI) ausgeübt zu haben, auf dem immer wieder kritisch über den politischen Islam diskutiert wird. Doch auch der Verdacht, wonach sie als angeblich für die «Veröffentlichung verantwortliche Person» eine sogenannte Nichtverhinderung einer strafbaren Veröffentlichung begangen haben könnte, lasse sich «nicht nachweisen», so die Staatsanwaltschaft.

Am Ende blieb von den Vorwürfen, die in Dutzenden von Presseberichten des In- und Auslandes wiederholt worden waren, nichts übrig. «Volksverhetzung»? «Rassismus»? Verantwortlich für «krass diskriminierende Aussagen »?

Dreimal Fehlanzeige, im Wortsinn.

Auch mit einer Offizialklage gegen den Kanton Bern, den Arbeitgeber von Pfarrerin Dietrich, blitzte Anwalt Kettiger ab. Die Kirchgemeinde Siselen-Finsterhennen, die sich auf die Seite ihrer angeschossenen Pfarrerin gestellt und sich einen Anwalt genommen hatte, reichte mit Erfolg einen Antrag auf Abweisung der Klage ein.

Der Scheiterhaufen brannte schon

Die Untersuchung der Staatsanwaltschaft Jura- Seeland war nicht die erste – und es war auch nicht die erste Entlastung. Schon zuvor hatte der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn die Anschuldigungen prüfen lassen.

Der von ihm beauftragte Berner Anwalt und ehemalige Regierungsstatthalter Andreas Hubacher entlastete Dietrich vollumfänglich. Trotzdem erteilte ihr der Synodalrat – die Exekutive der Kirche – verschiedene «Weisungen». Die Pfarrerin solle sich in Zukunft von Blogs wie Politically Incorrect fernhalten, riet der Rat.

Die Vorgänge um den (angeblichen) Fall Dietrich lassen sich als Symptom für den erstaunlichen Zeitgeist in den Schreibstuben vieler Medien deuten. Offensichtlich genügt es, in den Verdacht zu geraten, kritisch gegenüber dem Islam eingestellt zu sein und auf einer unabhängigen Website zu publizieren, um einen veritablen Shit-Storm heraufzubeschwören.

Wie bereitwillig die Anschuldigungen gegen Dietrich aufgenommen wurden, zeigt der Umstand, dass selbst das offizielle Organ der Kirche, Reformiert, sich aktiv an der Kampagne gegen die eigene Pfarrerin beteiligte.

Das Kirchenblatt nahm die Vorwürfe der «Islamhetze» begierig auf, verkaufte sie als Tatsache und fantasierte von «rassistischen Thesen» und vorschneller «Absolution». Wiederum ohne jeden Beleg.

Jetzt, wo die Vorwürfe in sich zusammenfallen, reagieren die Medien wie meist in solchen Fällen: So viel Tinte sie im Rausch der Empörung verschwendet haben, so sparsam geben sie sich nun. Während andere Tamedia-Blätter wie die Berner Zeitung die Einstellung des Verfahrens immerhin kurz meldeten, stand darüber im Tages-Anzeiger, der die Kampagne in der Schweiz angestachelt und immer wieder nachgelegt hatte, keine Zeile. «Der heiligen Kriegerin brennt der Hintern», hatte der Tagi vor einem Jahr frohlockt. Heute schweigt er vernehmlich.

Es ist das stille Ende einer medialen Hexenjagd.