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• Faschismus als Meta-Ideologie
EuropeNews 09 April 2008
Von Henrik R Clausen

Dieser Brocken von einem Buch mit Tonnen von Fußnoten ist ein großer Kandidat für den ‚Umstrittensten Titel des Jahres‘. Faschismus an sich ist schrecklich genug, aber die neuen Thesen von Jonah Goldberg werden die Einsätze verdreifachen.
Aber das Wichtigste zuerst – worum geht es im Buch?
Es ist eine Mischung von historischen Besonderheiten, ideologischer Analyse und Kritik bestimmter moderner politischer Trends. Dieses Buch versucht, wie es schon viele Male zuvor versucht wurde, das Wesen des Faschismus und seine heutigen Folgen zu verstehen. Keine leichte Aufgabe. Und es stellt sich die Frage, was kann man diesem Thema 60 Jahre nach dem Geschehen und nach Tonnen von veröffentlichter Forschungsliteratur noch hinzu fügen? Wie sich herausstellt: viel.
Kernzweck des Buches ist es, weniger den äußeren Erscheinungen des Faschismus, als der Denkweise nachzuspüren. Während immer wieder gezeigt wurde, dass der sowjetische Kommunismus in seinen Auswirkungen den faschistischen Regimen Italiens und Deutschlands ähnlich war, wurde größtenteils angenommen, dass die zu Grunde liegende Ideologie offensichtliche grundsätzliche Unterschiede hatte. So offensichtlich, dass wenige sich damit aufhielten, dem Ursprung nachzuspüren und sich auf die Ähnlichkeiten, aber nicht die Unterschiede zu konzentrierten.
Eine unbequeme Wahrheit
Der entscheidende Punkt der Analyse Goldbergs ist, dass die Weltsicht zweier wichtiger Personen, Lenin und Mussolini, vor dem Ersten Weltkrieg größtenteils übereinstimmte. Beide waren Teil einer größeren fortschrittlichen Bewegung und erst durch Mussolinis Wechsel vom Internationalismus zum Nationalismus nach seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg unterscheidbar. Diese progressive Bewegung war die philosophische Neuheit der Zeit, wo die Faszination der Technologie, der Änderung und des Fortschritts anstrebte, die ‚rückwärts gerichteten‘ Konservativen und ihre erstickenden Ideologien der Vergangenheit zu ersetzten.
Es ist wichtig sich daran zu erinnern, dass der Faschismus und seine Schwester-Ideologien sich der breiten öffentlichen Unterstützung erfreuten, außer in Russland, wo nur die massive Unterstützung der ‚revolutionären Bewegung‘ durch das Deutsche Kaiserreich ihn bewahrte. Dies ist allerdings nur am Rande wichtig für die zur Hauptthese von „Liberal Fascism”, die Planwirtschaft gegen Konservatismus abwägt und nicht umstürzlerische Handlungen von einem Staat gegen einen anderen betrifft. Der Begriff des ‚russisch-italienischen Experiments‘ (der in den 20er Jahren verbreitet war) drückt kurz und bündig die Ähnlichkeit zwischen den zwei Regimen aus, ebenso wie die Hoffnung auf die der Ideologie innewohnenden Verbesserung.
Die unbequeme Wahrheit ist, dass der Faschismus eine linke Ideologie ist, in dem er deutlich ‚staatlich‘ ist (bevorzugt einen großen Staat), totalitär (konsequente Regulierung), und kollektiv (die Rechte des Individuums herunterspielend). Das verbindet ihn mit ist mit den Jakobinern der Französischen Revolution und anderen Ideologien verbindet, die das ‚Gemeinwohl‘ über individuelle Rechte setzen. Dies wird für viele eingesessene Sozialisten schwer zu verdauen sein, während Konservative ungewöhnlich frische Luft schnuppern.
Vergleich
Der Vergleich des vorliegenden Buches mit Robert Paxtons „Anatomie des Faschismus“ ist naheliegend. Paxtons Buch gilt als Standardwerk zum Thema, mit großer Bandbreite und vielen Details. Seine grundlegende – allerdings anzuzweifelnde – Annahme ist, dass der sowjetische Kommunismus kein Faschismus war. Paxton strengt sich sehr an, diese Behauptung aufrechtzuerhalten, indem er sich auf die Auswirkungen und Handlungen von selbsterklärten faschistischen Regimen konzentriert, diejenigen ignorierend, die sich anders bezeichneten.
Und doch, wenn man das Wesen des sowjetischen Kommunismus und seine verheerenden Analysen der letzten zwei Jahrzehnte beachtet, ist das Ergebnis offensichtlich: Goldberg hat recht. „Liberal Fascism“ mag nicht so minutiös genau sein wie „Anatomie des Faschismus“, aber aus Sicht des Rezensenten trifft Goldberg den Nagel auf den Kopf, während Paxton ‚lediglich‘ gute Arbeit leistet. Natürlich ist Goldbergs Buch ein amerikanisches und Faschismus ist in seinen reinsten Formen europäisch. Doch der Autor nutzt diese Kluft aus, indem er über den Atlantik hin und her springend, die Analyse der europäischen Geschichte mit amerikanischen Entwicklungen gekonnt verbindet. Es ist erstaunlich, dass der Faschismus in den Vereinigten Staaten sogar noch vor Italien (siehe Woodrow Wilson) auftrat, und es ist noch interessanter, zu sehen wie faschistische Ideale und Ideen überall in den politischen Programmen wieder auftreten. Ein Einwand des europäischen Rezensenten: Goldberg neigt dazu, zu viel auf seine Gegner einzuschlagen, einschließlich der Hollywood-Produzenten und Drehbuch-Autoren, ohne auf schlüssige Weise zu argumentieren. Weniger wäre hier mehr.
Goldberg befasst sich auch mit dem Thema des Islamofaschismus. Allerdings nur in einer Zeile. Er nennt es den ‚Inbegriff des Faschismus‘ und geht zur Analyse weniger offensichtlicher Themen über.
Schwächen
Eine Schwäche dieses Buches – obwohl geringerer Natur – ist die verkürzte Untersuchung des ‚Führerprinzips‘ (oder wie auch immer die faschistischen Regime ihren Führer nannten) und der ‚Herrschaft der Angst' im Vergleich zur ‚Herrschaft des Gesetzes‘ (Rechtsstaatlichkeit) in faschistischen Gesellschaften. Diese interessanten Seitenthemen hätten eine ausführlichere Behandlung verdient. Man kann hoffen, dass der Autor dies durch ergänzende Artikel ausgleichen wird.
Der vielleicht schwächste Teil des Buches ist, wenn sich der Autor mit gegenwärtigen Politikern wie Hillary Clinton befasst. Es ist offensichtlich, dass er Clinton nicht mag und die Art, wie er über ihre Mängel schreibt, ist nicht wirklich überzeugend.
Das Herz des Faschismus
Ermöglicht Goldbergs Buch schließlich ein Verstehen des Kerns des Faschismus? Es scheint so. Man könnte Faschismus sogar als eine ‚Meta-Ideologie‘ bezeichnen, die im Laufe der Zeit verschiedene Systeme anzog. Die erste große Verkörperung zog den Nationalismus an, der eine starke Macht ausübte und zu einer massiven Katastrophe führte. Die zweite Verbindung fand mit dem Sozialismus statt, der weniger Anziehung auf den Einzelnen hat, als der Nationalismus, und ging ruhmlos zu Ende, ohne das der Sozialismus entscheidend geschlagen wurde.
Zurzeit tritt Faschismus in einer religiösen Verkleidung auf, die – wie der Nationalismus – eine starke Kraft hat. Faschistische Elemente im Gebrauch oder Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken wahrzunehmen, ist sehr sinnvoll. Auf diese Weise wird das Buch ein nützliches Werkzeug, um ebenso Islamischen Faschismus entgegenzuwirken. Nicht schlecht!
Goldberg thematisiert gekonnt viele Hauptprobleme des Faschismus und gibt dem Leser das Gefühl, vieles zu durchschauen. Sein Ansatz ermutigt auch dazu, selbstständig Tendenzen des Faschismus zu identifizieren. Hier lässt er Paxton weit hinter sich.
Schlussfolgerung
Abschließend bleibt die Frage, für wen dieses Buch ist. Es hängt hauptsächlich davon ab, welches Verständnis des Faschismus gewollt wird. Wer ihn als eine militaristische Diktatur verstehen will, sollte dieses Buch nicht lesen. Es würde seine Illusionen zerstören und seine Argumentation erschweren. Wer allerdings die verführerische Natur des Faschismus verstehen will, wer wissen will, warum so viele Menschen große Opfer für eine Ideologie brachten, sollte „Liberal Fascism“ lesen. Das Buch ist nicht perfekt, aber das muss es auch nicht sein. Es hat eine wichtige Eigenschaft: es ist argumentativ dicht und kann deswegen vom Rezensenten nur empfohlen werden.
Jonah Goldberg: Liberal Fascism. The Secret History of the American Left, From Mussolini to the Politics of Meaning, Doubleday 2008, ISBN-13: 978-0385511841, 496 Seiten, 17,95 Euro





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